https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/maedchen-in-attendorn-hat-laut-ermittler-die-aussenwelt-nicht-gesehen-18440019.html

Jahrelang in Haus eingesperrt : „Das Mädchen hat die Außenwelt nicht gesehen“

Ein Foto vom Ortsschild in Attendorn. Bild: dpa

Knapp sieben Jahre soll eine Achtjährige in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein. Gegen die Mutter und die Großeltern wird wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt.

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          Noch sind in diesem Fall viele Fragen offen. Doch das, was bekannt ist, schockiert: Ein acht Jahre altes Mädchen soll fast sein ganzes Leben lang in einem Haus in Attendorn im Sauerland festgehalten worden sein. Das Mädchen habe nach seiner Befreiung gesagt, dass es noch nie einen Wald gesehen habe, auf einer Wiese gewesen oder in einem Auto gefahren sei, berichtete der „Sauerlandkurier“ am Sonntag unter Berufung auf Unterlagen der Kinderklinik in Siegen.

          Franziska Pröll
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Laut dem Zeitungsbericht haben Polizei und Jugendamt am 23. September die Wohnung durchsucht, in der das Mädchen eingesperrt war. Sie sei sofort in eine Notpflegefamilie gebracht worden.

          Die Staatsanwaltschaft in Siegen ermittelt gegen die Mutter des Kinds und die Großeltern. Hinweise auf eine körperliche Misshandlung oder eine Unterernährung des Mädchens gebe es momentan nicht. „Allerdings haben wir die Situation, dass es die Außenwelt nicht gesehen hat“, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Das Mädchen habe mutmaßlich knapp sieben Jahre lang in dem Haus in Attendorn gelebt, ohne es verlassen zu dürfen. Es könne sich artikulieren und laufen, wenngleich es „kaum in der Lage sei, allein Treppen zu steigen oder Unebenheiten im Boden zu überwinden“, wird von Grotthuss im „Sauerlandkurier“ zitiert.

          Die Mutter und die Großeltern, in deren Haus die Familie gelebt haben soll, machten bislang keine Angaben. 2014 soll die Mutter des Mädchens dem schon vor dessen Geburt von ihr getrennt lebenden Vater mitgeteilt haben, mit der Tochter nach Italien ziehen zu wollen. In den vergangenen Jahren habe es jedoch immer wieder Zweifel daran gegeben. Im September 2015 habe der Vater gegenüber dem Jugendamt angegeben, die Mutter mehrfach in Attendorn gesehen zu haben. Die Großeltern hätten auf Nachfrage des Jugendamts gesagt, dass die Tochter mit der Enkelin in ­Italien lebe.

          Post des Vaters soll nicht angekommen sein

          Das Jugendamt hat laut dem Zeitungsbericht in den vergangenen Jahren Post an die italienische Adresse geschickt, die dort auch angekommen sei. Der Vater habe hingegen angegeben, seine Briefe und Geschenke an die Tochter seien allesamt ungeöffnet zurückgekommen. Beim zuständigen Jugendamt des Kreises Olpe seien anonyme Hinweise eingegangen, wonach sich zumindest die Mutter in Attendorn aufhalten könnte. Die Versuche des Jugendamts, mit den Großeltern Kontakt aufzunehmen, seien abgewimmelt worden. Diese hätten auch den Zugang ins Haus verweigert. Die Polizei sei von den Großeltern ebenfalls nicht ins Haus gelassen worden, sie habe aber auch keinen Durchsuchungsbeschluss vorlegen können. Freiwillige Begehungen des Hauses mit der Polizei hätten die Großeltern „mit Nachdruck“ abgelehnt, schreibt der „Sauerlandkurier“ unter Berufung auf erste Gerichtsunterlagen.

          Schließlich habe ein Verwandter der mütterlichen Familienseite sich an die Polizei gewandt. Er habe angegeben, dass seine Ehefrau und er kürzlich die Verwandtschaft in Italien besucht hätten, bei der das Mädchen und seine Mutter wohnen sollten. Die dortigen Verwandten hätten jedoch gesagt, dass beide dort nie gelebt hätten. Zudem habe man die Mutter des Mädchens telefonisch im Haus der Großeltern in Attendorn erreicht. Daraufhin hätten die Behörden die Wohnungsdurch­suchung eingeleitet.

          Gegen die Mutter und die Großeltern wird wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt. Zeugen aus dem Umfeld der Familie werden nun vernommen. Ein Antrag, für das Kind einen so­genannten gerichtlichen Ergänzungspfleger beizuordnen, sei gestellt. Dieser soll die Interessen des Kinds wahrnehmen. Der nächste Schritt sei jetzt, so von Grotthuss, das Kind zu begutachten. Mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ wolle man zudem auch die Mutter begutachten lassen sowie gegebenenfalls auch die anderen Beschuldigten.

          Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein, der sich für den Schutz von Kindern einsetzt, zeigte sich von dem Fall erschüttert. „Fragen an Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt sind dringend erlaubt und notwendig“, sagte er der F.A.Z. Es sei „unfassbar“, dass man auf konkrete Hinweise des Vaters und weiterer, anonymer Personen nicht weiter reagiert habe. Rettinger fordert eine Verdopplung des Personals in den Jugendämtern. Oft sei eine Fachkraft für bis zu 100 Familien zuständig. Der Deutsche Kinderverein empfiehlt eine Fachkraft für maximal 30 Familien, „um die Kinder zu kennen und ihren Schutz gewährleisten zu können“.

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