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Boeing 737 „Landshut“ : Im Vorzimmer zur Hölle

Pilot, Kopilot – und dahinter der Entführer: Im Cockpit spielten sich damals Dramen ab. Bild: Dominik Gierke

1977 entführten Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um RAF-Häftlinge freizupressen. Heute wartet die ausgemusterte Boeing 737 in einem Hangar darauf, zum Museumsstück zu werden. Ein Besuch.

          Dreißig Meter lang und drei Meter breit ist der Rumpf der „Landshut“. 90 Quadratmeter sind das, auf denen sich fünf Tage bundesrepublikanische Historie ereigneten. Die Boeing 737-200C steht seit Herbst 2017 in der Ecke eines Hangars auf dem Flughafen in Friedrichshafen, unweit des Dornier-Museums. Die Außenhaut ist mit normaler Dispersionsfarbe überstrichen, um wie in solchen Fällen üblich die Logos des letzten Eigentümers zu überdecken, einer brasilianischen Airline, die die Maschine als Frachtflugzeug nutzte. Tragflächen und Leitwerk sind demontiert.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Techniker haben vorn unter dem Cockpit eine kleine Fläche poliert, um zu sehen, wie die Außenhaut unter der Farbe aussieht, viel mehr ist seit der Ankunft des Flugzeugs aus dem brasilianischen Fortaleza 2017 nicht passiert. Der Innenraum ist leer, die Originalsitze gibt es nicht mehr. Nur das Cockpit dürfte weitgehend noch so aussehen wie in den Tagen, als Lufthansa-Kapitän Jürgen Schumann, Kopilot Jürgen Vietor und der palästinensische Terrorist Zohair Yoousif Alache alias „Captain Mahmud“ im Oktober 1977 um Leben und Tod von 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern rangen.

          Das vierköpfige Terrorkommando hatte die Urlaubsmaschine auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt im französischen Luftraum gekapert. Sie wollten die Freilassung der RAF-Terroristen um Andreas Baader und Gudrun Ensslin erzwingen. Fünf Tage machten die Terroristen aus dem Flugzeugrumpf ein Vorzimmer zur Hölle, mal in der Luft, mal auf Start-und-Lande-Bahnen. Die Maschine flog nach Larnaka, Rom, Dubai, Aden und schließlich Mogadischu, wo eine Sondereinheit der GSG 9 die Geiseln befreite.

          Hingerichtet durch einen Kopfschuss

          Zuvor hatten die Terroristen den Piloten Jürgen Schumann vor den Augen der Passagiere mit einem Kopfschuss hingerichtet, vor der geplanten Sprengung des Flugzeugs die Passagiere mit Alkohol übergossen. Die Geiseln vegetierten, starr vor Angst, in ihren engen Sitzen vor sich hin. „Die Nässe aus Urin und anderen Körperflüssigkeiten aus dem Sitz war schon nach kurzer Zeit durch den dünnen Stoff dieses Kleides, das sie mir angezogen hatten, gedrungen. Ich spürte es kaum. Es ekelte mich auch nicht mehr. Es war eben so“, schreibt die frühere Geisel Diana Müll in ihrem Buch „Mogadischu“, damals 19 Jahre alt; sie hatte die Reise, die zum Albtraum wurde, bei einer Misswahl gewonnen.

          Nachkriegsgeschichte, komprimiert in einer Metallröhre: Ehemalige Passagierkabine mit Cockpit.

          Heute, im Friedrichshafener Hangar, riecht es im Passagierraum der Maschine nur noch nach Kerosin. Die Innenverschalung fehlt. Auf dem Boden liegen ein paar Metallteile. Das Cockpit ist rot beleuchtet. Dem Kopiloten-Sitz, auf dem Vietor mehr als hundert Stunden ausharrte, fehlt das Polster. Vietor blieb dort auch sitzen, nachdem „Mahmud“ seinen Kollegen brutal ermordet hatte. Von seinem Platz auf dem provisorischen Sitz hinter dem Piloten aus führte dieser die Verhandlungen mit dem Tower, drohte mit Exekutionen, schrie die Passagiere hysterisch an, erreichte immer wieder, dass die Maschine betankt wurde und weiterfliegen konnte. Er durchwühlte das Handgepäck, fand einen Montblanc-Füller, hielt das Markenzeichen für einen Judenstern und malträtierte eine Frau, die er für eine Jüdin hielt. Für eine andere Geisel bestellte er beim Tower eine Geburtstagstorte.

          Mehrere Schüsse trafen Führerstand

          „Stabilizer Trim“ und „Landing Gear“ steht an den Drehreglern im Cockpit. Als das GSG-9-Kommando die Maschine am 18. Oktober 1977 um 00.05 Uhr stürmte, starb „Mahmud“ auf dem Behelfssitz. Vietor saß – dank einer glücklichen Fügung – zum Zeitpunkt der Operation „Feuerzauber“ nicht im Cockpit; er war in den Passagierraum gegangen, um sich etwas zu bewegen. Sieht man die vier schweren Türen der leeren Maschine heute, staunt man, dass die GSG 9 zum Öffnen nur dreißig Sekunden gebraucht hatte. Mehrere Schüsse trafen den Führerstand. Eine Kugel streifte den „künstlichen Horizont“, mit dem die Piloten die Raumlage des Flugzeuges beurteilen, wenn der natürliche Horizont nicht sichtbar ist. Ein weiterer Schuss zerstörte das zentrale Trimmrad.

          In ein paar Jahren soll es eine historische Dauerausstellung in der „Landshut“ geben, zwei Historiker recherchieren gerade Hintergründe. Indessen: Ein Konzept liegt noch nicht vor, und seit einigen Wochen gibt es auch wieder Zweifel an einer künftigen Schau, wegen eines politischen Streit über den Standort und – vor allem – die jährlichen Betriebskosten in Höhe von mindestens 200.000 Euro. Das ist auch Geld, sicher, aber es wäre schade, wenn es sich nicht fände. Denn wo gibt es das sonst – ein dramatisches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, komprimiert in einer Metallröhre?

          Diesen Sonntag konnten Besucher während eines „Tages der offenen Tür“ im Dornier-Museum in Friedrichshafen schon einmal einen Blick in die Maschine werfen; Kopilot Vietor berichtete als Zeitzeuge.

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