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Lügde-Prozess : „Ich kann es nicht erklären, ich schäme mich“

Der Angeklagte Andreas V. wird von Justizmitarbeitern in den Saal des Landgerichts in Detmold geführt. Bild: dpa

In Detmold hat das Strafverfahren zum Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde begonnen. Ein Angeklagter legt selbst sein Geständnis ab, ein anderer verzieht keine Mine. Obwohl er die monströsen Taten kennt, ist der Opferanwalt abermals erschüttert.

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          Die ersten unmissverständlichen Statements geben die drei Angeklagten im Prozess um den massenhaften Kindesmissbrauch von Lügde ohne Worte ab. Andreas V. drückt einen aufgeklappten Aktenordner so dicht wie möglich vor sein Gesicht, als ihn die Wachtmeister in den Saal führen. Mario S. dagegen zeigt Gesicht, er lässt sich am Donnerstagmorgen im Landgericht Detmold von den Fernsehteams und Fotografen offen ablichten – gut vier Stunden später wird er dann auch der einzige sein, der sich in aller Öffentlichkeit zu den ihm vorgeworfenen abscheulichen Taten mit eigenen Worten bekennt und wenigstens einen Ansatz von Bedauern äußert. Heiko V. wiederum verbirgt sich hinter einem dünnen grünen Aktendeckel, ist aber hauptsächlich damit beschäftigt, auf der Anklagebank Abstand zu den anderen beiden Männern zu halten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Es ist ein monströses Verbrechen, über das in Detmold verhandelt wird. Der 56 Jahre alte Andreas V. lebte seit vielen Jahren auf einer Parzelle des idyllisch gelegenen Campingplatzes „Eichwald“ in Lügde an der Landesgrenze zu Niedersachsen. In seinen Holzverschlägen und Wohnwagen hat er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft im Sommer 1998 und zwischen Anfang 2008 und Ende 2018 insgesamt 23 Mädchen gequält und missbraucht, zehn von ihnen brutal vergewaltigt. Besonders ausdauernd soll sich der Mann an seiner Pflegetochter vergangen haben, die ihm das Jugendamt Hameln-Pyrmont 2017 im Alter von sechs Jahren auf Wunsch der offenbar überforderten Mutter anvertraut hatte. Mehr als 130 Mal hat Andreas V. allein dieses Kind laut Anklage missbraucht. Zugleich diente das Mädchen dem auf dem Campingplatz als überaus kinderlieb geltenden Mann als Lockvogel für weitere Opfer. Mit Ausflügen und Geschenken gelang es V., die Kinder zu korrumpieren, mit Drohungen schüchterte er sie ein. Die Anklage wirft dem Hartz-IV-Empfänger insgesamt 298 Straftaten vor.

          Von mehreren Taten fertigten sie Videomitschnitte an

          Auch der 34 Jahre alte Mario S. war laut Anklage ein hochaktiver Pädokrimineller. Schon als Jugendlicher soll der aus Steinheim im Kreis Höxter stammende S. einen Jungen missbraucht haben. Auf dem Campingplatz im westfälischen Lügde teilte sich S. zunächst einen Wohnwagen mit einem langjährigen Freund – dessen Enkelkinder er mehrfach missbraucht haben soll. Später mietete sich der alleinstehende Gelegenheitsarbeiter eine eigene Parzelle auf dem Platz. Die Staatsanwaltschaft wirft Mario S. vor, in insgesamt 162 Fällen acht Mädchen und neun Jungen zum Teil schwer sexuell missbraucht zu haben. Von mehreren Taten fertigten die beiden Männer Videomitschnitte an. Gelegentlich gab es sogar Live-Übertragungen in einer geschlossenen Internetgruppe.

          Heiko V., ein 49 Jahre alter Mann aus Stade, hat nach Erkenntnissen der Ermittler in mindestens vier Fällen von seinem heimischen Computer aus mitverfolgt, wie Andreas V. und Mario S. Kinder missbrauchten. Auf dem Campingplatz war er aber allem Anschein nach nie. V., der nicht mit Andreas V. verwandt ist und anders als die beiden anderen Angeklagten schon während der Ermittlungen ausgesagt und ein Geständnis abgelegt hat (das er später wiederholt), möchte erreichen, dass das Verfahren gegen ihn abgetrennt wird.

          „Die Anschuldigungen lassen niemanden unberührt.“

          Zunächst gibt es aber noch viele wichtigere Fragen zu klären. An erster Stelle muss das Gericht entscheiden, ob schon bei der Verlesung der Anklageschrift die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. So wird es kommen – denn alle 18 Anwälte, die 28 Opfer als Nebenkläger vertreten, beantragen das. Doch bevor die Vorsitzende Richterin Anke Grudda den entsprechenden Beschluss am Donnerstag verkündet, ergreift sie die Chance, einige grundlegende Bemerkungen über das Lügder Missbrauchsverfahren im Besonderen und den Charakter sowie die Grenzen eines rechtsstaatlichen Verfahrens im Allgemeinen an Prozessbeteiligte, Zuhörer und Journalisten zu richten. Die Hauptverhandlung werde für alle eine „große Herausforderung“, die den drei Angeklagten vorgeworfenen Taten seien zweifelsohne abscheulich. „Die Anschuldigungen lassen niemanden unberührt.“ Der lange Tatzeitraum von mehr als 20 Jahren und die große Zahl der mutmaßlichen Straftaten mache „fassungslos“. Zugleich aber verbiete sich jede Vorverurteilung. Auch das ist Grudda wichtig: Das mutmaßliche Versagen vieler Behörden im Fall Lügde könne nicht Gegenstand dieses Prozesses sein.

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