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Loveparade-Prozess : Schon jetzt ein quälendes Verfahren

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Fast vier Jahre nach der Anklageerhebung hat der Prozess um das Loveparade-Unglück begonnen. Schon der erste Verhandlungstag verläuft überaus zäh. Erst nach stundenlangen Diskussionen kann die Anklage verlesen werden.

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          In aller Herrgottsfrühe sind Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf am Freitagmorgen in Belm bei Osnabrück aufgebrochen. Weil viel Verkehr war, haben sie es gerade noch rechtzeitig zum Kongresszentrum Ost der Düsseldorfer Messe geschafft, wo gleich der Loveparade-Prozess beginnen soll – im Duisburger Landgericht gibt es keinen Saal, der alle mehr als 60 Nebenkläger, ihre 38 Anwälte, die zehn Angeklagten und ihre mehr als zwei Dutzend Strafverteidiger und vor allem die vielen Journalisten hätte fassen können.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Mogendorfs haben bei der Loveparade am 24. Juli 2010 ihren Sohn verloren. Er zählt zu den 21 jungen Leuten, die auf dem Zuweg zum ehemaligen Duisburger Güterbahnhof im Gedränge zu Tode gequetscht wurden. Mehr als 600 weitere Personen wurden verletzt. Anders als manch andere Nebenkläger erwarten die Mogendorfs nicht viel von dem Prozess. „Es gibt so viele Opfer und Angehörige, die ohne Ende Hoffnungen in den Prozess setzen“, sagt Klaus-Peter Mogendorf. Doch es sei ganz wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass nach deutschem Strafrecht die individuelle Schuld jedes einzelnen Angeklagten haarklein nachgewiesen werden müsse. „Deshalb fürchten wir, wird es wie in so vielen Prozessen nach Katastrophen auch hier nicht zu einem Urteil kommen.“ Oder aber das Gericht werde nicht bis zum zehnten Jahrestag fertig. „Und dann ist eh alles verjährt.“ Nun hoffen er und seine Frau, dass durch die Hauptverhandlung wenigstens dokumentiert wird, dass die Loveparade niemals hätte genehmigt werden dürfen. „Und wir hoffen, dass klar herausgearbeitet wird, wer bei der Planung der Loveparade und bei der Katastrophe welche Rolle spielte.“

          Mogendorfs zweiter Wunsch, so viel steht schon fest, wird sich bestenfalls zum Teil erfüllen lassen. Denn als die Staatsanwaltschaft Duisburg 2014 Anklage erhob, fand sich unter den Beschuldigten keiner der am Katastrophentag diensthabenden führenden Polizisten mehr – obwohl der Polizei haarsträubende Einsatzfehler unterliefen, die die Lage kurz vor der Massenpanik vermutlich noch verschärften. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung sind lediglich sechs Bedienstete des Duisburger Bauamts, das die Sondergenehmigung für das Technospektakel erteilte sowie vier Angestellte des privaten Veranstalterunternehmens Lopavent, das dem Besitzer der Fitness-Studio-Kette „McFit“, Rainer Schaller, gehört. Schaller selbst zählte ebenso wie der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nie zu den Beschuldigten.

          Eine Flut von Anträgen

          Das Loveparade-Verfahren ist für die Opfer und Angehörigen schon jetzt ein quälendes Verfahren. Mehr als zwei Jahre lang prüfte das Landgericht Duisburg die Anklageschrift, ließ sie aber im April 2016 nicht zur Hauptverhandlung zu. Erst die erfolgreiche Beschwerde der Staatsanwaltschaft und mehrerer Nebenklägeranwälte beim Oberlandesgericht Düsseldorf macht dann den Weg frei für den Prozess.

          Doch schon der erste von bisher 111 geplanten Verhandlungstagen verläuft überaus zäh. Zunächst muss sich die Kammer unter Vorsitz von Richter Mario Plein mit einer Flut von Anträgen befassen. Es geht zum einen um die mögliche Befangenheit von zwei Ersatzschöffen. Die Stieftochter und die Tochter dieser Schöffen waren im Juli 2010 selbst auf dem Technofestival. Zwar verließen beide die Loveparade wieder, bevor es zu dem tödlichen Gedränge kam. Doch nach Auffassung mehrerer Strafverteidiger reicht das für die Besorgnis der Befangenheit der beiden Schöffen aus.

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