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Kampf gegen Fentanyl : Ein Streifen Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Todbringendes Pulver: Zollbeamte beschlagnahmen am Grenzübergang in Nogales (Arizona) vor kurzem 114 Kilogramm Fentanyl aus Mexiko. Bild: AP

Ein Hilfsprojekt in Los Angeles versucht, Drogenabhängige mit Schnelltests vor einer Überdosis Fentanyl zu bewahren. Die Arbeit wird ihnen jedoch nicht leicht gemacht – sie bewegen sich in einer juristischen Grauzone.

          Zu dem Treffen in den Granada Buildings, der Enklave gemeinnütziger Organisationen in Los Angeles, kommt Michael Marquesen eine halbe Stunde zu spät. „Wir haben überraschend Besuch von der Polizei bekommen“, erklärt der Dreiundfünfzigjährige wie selbstverständlich. „Die musste ich erst einmal ablenken.“

          Marquesen leitet das Los Angeles Community Health Project, eine Hilfsorganisation für Drogenabhängige. Nach der Gründung im Jahr 1992 galt das Programm zunächst vor allem als „Needle Exchange“, das Süchtige mit frischen Spritzen versorgte, um die Verbreitung von HIV und Hepatitis einzudämmen. Heute versuchen Marquesen und seine ehrenamtlichen Mitstreiter, Angelenos vor dem Fentanyl-Tod zu bewahren. „Der Stoff breitet sich bei uns immer mehr aus“, sagt er. „In Hollywood gibt es Fentanyl praktisch an jeder Straßenecke. Die Überdosen häufen sich.“

          Während die Gesundheitsbehörden im Mittleren Westen und im Nordosten, den Fentanyl-Hochburgen der Vereinigten Staaten, immer mehr Tote zählen, versucht Marquesen, Drogenabhängige in Los Angeles durch Teststreifen vor einer Überdosis zu bewahren. Die weißen Körnchen des Opioids werden zunehmend unter Straßendrogen gemischt. Oft ahnen die Süchtigen nicht, dass sie mit Rauschgiften wie Heroin und Kokain auch das hochkonzentrierte Fentanyl konsumieren. Der Stoff, 1960 als Schmerzmittel entwickelt, wirkt bis zu 100 Mal stärker als Morphin. Nach Angaben der Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) starben 2017 etwa 70000 Amerikaner an Überdosen, mehr als zwei Drittel von ihnen wegen synthetischer Opioide wie Fentanyl. „Die meisten Konsumenten hegen keinen Todeswunsch. Sie nehmen den Stoff unbewusst zu sich“, sagt Marquesen. Nach seinen Schätzungen enthalten in Hollywood vier von zehn Rauschgiftproben das Opioid. „Fentanyl ist billig. Für die Dealer lohnt es sich, ihren Stoff mit dem Pulver zu strecken und so die Wirkung zu verstärken.“ Im Jahr 2017 zählten die kalifornischen Gesundheitsbehörden bereits dreimal so viele Überdosen wie im Vorjahr.

          Mit einem weißen Wohnmobil des Community Health Project fährt der Musiker seit einigen Monaten regelmäßig durch die Stadt, um Teststreifen zu verteilen. Sie ermöglichen es den Drogenkonsumenten, innerhalb weniger Minuten zu prüfen, ob der gerade gekaufte Stoff Fentanyl enthält. Marquesen macht in Hollywood, Watts, Pico Union und der berüchtigten Skid Row in der Innenstadt von Los Angeles halt. Wie bei einem Schwangerschaftstest zeigen die „Strips“, ob in Wasser gelöste Reste von Kokain oder Heroin Fentanyl enthalten. „Obwohl die Teststreifen eigentlich für Urinproben entwickelt wurden, sind sie ziemlich genau“, sagt Marquesen. Wenn er mit dem Wohnmobil auf dem Parkplatz des LGBT Center in Hollywood oder hinter einer Kirche an der Zamora Avenue in Watts hält, verteilt er neben Teststreifen auch sterile Spritzen und Naloxon, ein Gegenmittel bei versehentlichen Überdosierungen. „Wie viele Leben wir damit schon retten konnten, lässt sich schwer sagen“, gibt Marquesen zu. „Wie soll man Überdosen zählen, die nicht passiert sind?“

          Eine juristische Grauzone

          Obwohl die kalifornische Behörde für öffentliche Gesundheit seit dem vergangenen Sommer auch Programmen wie dem Los Angeles Community Health Project und Entzugskliniken die Ausgabe von Naloxon erlaubt, bekommt Marquesen regelmäßig Besuch von der Polizei. „Wir bewegen uns oft in juristischen Grauzonen. Da bleibt das nicht aus.“

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