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Kampf gegen Fentanyl : Ein Streifen Hoffnung

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Marquesens erste Erfahrungen mit Fentanyl stammen aus einer Zeit, in der fast nur Mediziner die weißen Körnchen kannten. Vor mehr als 15 Jahren, lange vor der versehentlichen Überdosis von Prince im Frühjahr 2016, machten in Los Angeles Gerüchte über eine Sterbewelle unter Jugendlichen die Runde. Obdachlose Jugendliche, die in einem verlassenen Hotel in der Innenstadt kampierten, erzählten immer wieder von plötzlichen Todesfällen. Nach vielen schlaflosen Nächten gelang es Marquesen damals, einige Ärzte zu bewegen, Rezepte für Naloxon auszustellen und die Jugendlichen mit dem Antidot zu versorgen. „Als die Fentanyl-Epidemie 2016 dann richtig losging, kannten wir uns mit dem Stoff leider schon aus.“

Das Opioid stammt meist aus China und gelangt über Kanada oder Mexiko nach Kalifornien. Der Golden State blieb im Vergleich zu Bundesstaaten wie Ohio, New Hampshire oder Maine lange von dem hochdosierten Stoff verschont. Das verdankte er der Vorliebe mexikanischer Drogenkartelle für schwarzes Heroin entlang der Westküste. Der dunkle Stoff, auch bekannt als Black Tar und Brown Sugar, ließ sich wegen der Farbe nicht unauffällig mit weißen Fentanyl-Körnchen mischen.

Kampf dem Fentanyl-Tod: Michael Marquesen hilft Abhängigen.

Das Pulver wurde bald aber immer häufiger nach Kalifornien geschmuggelt. „Oft sind es Familienunternehmen abseits der Kartelle, die Fentanyl in kleinen Mengen über die mexikanische Grenze bringen, oft versteckt in Mikrowellen oder anderen Haushaltsgeräten“, sagt Merquesen. Auch in Vorstädten wie Glendale und Newport Beach hält der Stoff nun Einzug. Unter Namen wie China White und Winter White bieten dreiste Dealer das Opioid selbst bei Internetplattformen wie Craigslist an. Die meisten Süchtigen, die Marquesen oft mehrmals in der Woche an dem weißen Wohnmobil trifft, kaufen das Rauschgift auf der Straße. „Viele sind obdachlos. Viele schämen sich, Kliniken aufzusuchen. Die einzige Möglichkeit, sie zu erreichen, ist das Wohnmobil“, sagt Marquesen. Der Musiker, der früher in Bands wie Wink und Old Hickory spielte, war selbst jahrelang abhängig von Heroin und Alkohol. „Wir versuchen, den Leuten auf der Straße ohne Vorurteile zu begegnen. Wir wollen sie vor dem Sterben retten.“

Marquesens Experiment wird durch den Bundesstaat Kalifornien unterstützt. Allein in den ersten Wochen ließen die Gesundheitsbehörden fast 60000 „Strips“ verteilen. Kritiker warnen derweil vor zu viel Hoffnung. Da die Teststreifen schon auf geringe Mengen Fentanyl reagieren, drohten viele Abhängige die Verfärbungen auf den „Strips“ zu ignorieren.

Befürworter wie Marquesen verweisen derweil auf eine Untersuchung des Forschungsinstituts RTI International mit der University of California in San Francisco. Um herauszufinden, ob Drogenkonsumenten ihr Verhalten durch Teststreifen änderten, ließen die Wissenschaftler in Greensboro im Bundesstaat North Carolina „Strips“ verteilen. Vier von fünf Abhängigen gaben später an, die Teststreifen genutzt zu haben. Sechs von zehn Teilnehmern stießen dabei auf Fentanyl. Die Wahrscheinlichkeit, das eigene Verhalten zu ändern, lag bei Rauschgiftkonsumenten, die das Opioid entdeckten, fünf Mal höher als bei den übrigen Teilnehmern. Viele gaben an, geringere Drogenmengen zu sich zu nehmen oder Rauschgift durch die Nase zu ziehen statt zu injizieren, um weniger Stoffe in den Blutkreislauf aufzunehmen.

Die vergleichsweise hohen Kosten lassen viele dennoch an dem Experiment zweifeln. Auch Marquesen macht sich Sorgen, wie die Teststreifen bei zunehmender Verbreitung von Fentanyl finanziert werden sollen. „Jeder Strip kostet fast einen Dollar. Einige Abhängige konsumieren bis zu siebenmal täglich. Auch wenn wir ganz gut ausgestattet sind, wird es sehr schnell sehr teuer“, sagt der Sozialarbeiter und weist auf Dutzende rote Plastikcontainer mit Teststreifen und Naloxon. „Die Teststreifen sind trotzdem das Beste, das wir zu bieten haben – vielleicht auch, weil sie das Einzige sind.“

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