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London : Nach Jahrzehnten aus einem Haus befreit

Bild: reuters

Drei Frauen sind in London Jahrzehnte lang gefangen gehalten worden. Sie sollen in einem Haus wie Sklaven behandelt worden sein. Ihre mutmaßlichen Peiniger wurden festgenommen.

          Es sei ein „außergewöhnlicher Fall“. Noch nie hätten er und seine Kollegen etwas „von diesem Ausmaß“ gesehen, sagte der Chef der Polizei-Sondereinheit gegen Menschenhandel, Kevin Hyland, am Donnerstag in London. Gemessen an diesen Worten waren es dürftige Informationen, die während seiner Pressekonferenz und im Laufe des weiteren Abends bekannt wurden: Drei Frauen, teilte Kommissar Hyland mit, seien entdeckt worden, die nach eigenen Angaben mehr als 30 Jahre lang gegen ihren Willen in einem Londoner Wohnhaus festgehalten worden waren. Warum und unter welchen Umständen – dazu gab es am Donnerstag kaum Erkenntnisse.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das Wissensdefizit bot reichlich Raum für Spekulationen: Hatte man es mit einer Tragödie moderner Sklaverei zu tun? Oder war da vielleicht eine psychopathische Wohngemeinschaft auseinandergegangen?

          Am frühen Morgen hatte die Polizei zwei ältere Leute festgenommen, einen Mann und eine Frau, beide 67 Jahre alt. Sie seien so etwas wie „die Köpfe der Familie“ gewesen, hieß es. Aber wie konnte die beiden es fertigbringen, drei Frauen über drei Jahrzehnte hinweg ihren Willen aufzuzwingen?

          Die älteste der drei festgehaltenen Frauen ist eine 69 Jahre alte Malaysierin, die jüngste eine 30 Jahre alte Britin; sie sei womöglich in dem Haus geboren worden und nie in Kontakt mit der Außenwelt getreten, hieß es. Die Dritte, eine 57 Jahre alte Irin, hatte schließlich den „Hilferuf“ gestartet und im vergangenen Monat telefonisch Verbindung zu der Hilfsorganisation „Freedom Charity“ aufgenommen, die sich um Opfer von Zwangsehen und Gewalt aus „Ehrenmotiven“ kümmert.

          Deren Gründerin, Aneeta Prem, gab am Donnerstagabend mehrere Fernseh-Interviews, ohne die Lage erhellen zu können oder zu wollen. Die drei Frauen hätten eine Dokumentation über Scheinehen im Fernsehen gesehen und dabei auch von „Freedom Charity“ und ihr selbst erfahren, erklärte Frau Prem. Das habe die Frauen ermutigt, sich an die Hilfsorganisation zu wenden. Nachdem die Polizei den Ort ermittelt hätte, seien Verabredungen mit den drei Frauen getroffen worden. „Sie gaben uns feste Zeiten, in denen sie mit uns sprechen konnten“, sagte Frau Prem. Die Polizei lobte am Donnerstag die „sensiblen Verhandlungen“, die Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation geführt hätten. Am Ende sei es möglich geworden, dass die Frauen die Wohnung verlassen konnten. Die Polizei war eingeweiht gewesen.

          „Hausdienste, Sklaverei, mehr kann ich nicht sagen“

          Unklar ist, unter welchen Bedingungen die drei Frauen so lange festgehalten wurden. Während die Polizei von „kontrollierter Freiheit“ spricht, erkennt Prem „barbarische Zustände“. Sexuell missbraucht wurden die Frauen offenbar nicht. Aber Aneeta Prem beschreibt sie als „völlig verängstigt“ und „stark traumatisiert“. Sie hätten sich „schwer bedroht“ gefühlt. Auf die Frage, zu welchem Zweck die Frauen festgehalten wurden, sagte Prem: „Hausdienste, Sklaverei, mehr kann ich nicht sagen.“

          Die Polizei benötigte offenbar viel Zeit, bis das Bild eine gewisse Kontur bekam. Die drei Frauen wurden schon am 25. Oktober an einen sicheren Ort gebracht, aber erst am Donnerstag hatten die Sicherheitskräfte genügend Indizien an der Hand, um die beiden „Familienoberhäupter“ festzunehmen. Kommissar Hyland begründete das mit dem mentalen Zustand der Frauen, die wohl Mühe hatten, das Geschehene zu erklären. Man habe „professionelle Hilfe von außen“ gebraucht. „Das Letzte, was wir wollten, war, das Trauma noch zu verschlimmern“, sagte Hyland. Die drei Frauen wurden nach Angaben der Polizei rasch aus dem Gewahrsam entlassen und an einen sicheren Ort gebracht.

          Nichts ist bislang über die Beziehung zwischen den insgesamt fünf Personen bekannt, die in einer kleinen Wohnstraße im Londoner Süden gelebt hatten und offenbar keinem Nachbarn aufgefallen waren. Die beiden festgenommenen „Familienoberhäupter“, heißt es, seien „nicht-britischer Herkunft“. Ob sie ein Paar sind, ist nicht klar. Auch das Verhältnis der drei Frauen zueinander ist ungeklärt. „Im Blick auf die Nationalitäten der Frauen ist es natürlich sehr unwahrscheinlich, dass sie in irgendeiner Form verwandt sind“, sagte Hyland. Auch nach vier Wochen scheinen die Untersuchungen nicht allzu weit gediehen zu sein.

          Erforscht wird nun die grundsätzliche Natur des sonderbaren Soziotops. Hyland sagte: „Teil unserer Ermittlungen ist: Wer hatte Freiheiten, welche Art von Freiheiten waren dies, und unter welchen Bedingungen wurden diese Freiheiten gewährt?“ Wann die Antworten auf diese und andere Fragen präsentiert werden, vermochte der Beamte am Donnerstagabend nicht abzuschätzen.

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