https://www.faz.net/-gum-9so09

39 Tote in Lkw : „Ich sterbe, ich kann nicht atmen“

  • Aktualisiert am

Angehörige trauern um die Vietnamesin Bui Thi Nhung, die unter den Toten sein soll. Bild: AFP

Die 39 Toten, die in einem Lastwagen in Essex gefunden wurden, sind offenbar Vietnamesen. Besondere Anteilnahme ruft der Fall einer 26 Jahre alten Frau hervor, die offenbar eine Nachricht aus dem Lkw verschickt hatte.

          3 Min.

          Gegen den Fahrer, in dessen Lastwagen die 39 toten Migranten gefunden wurden, ist am Wochenende Anklage wegen Totschlags erhoben worden. Der aus Nordirland stammende Maurice Robinson wurde verhaftet, nachdem die Leichen am Mittwoch in einem Container gefunden worden waren, der in einem Industriegebiet bei Grays in der südostenglischen Grafschaft Essex geparkt worden war. Zuvor war der Container vom belgischen Zeebrugge aus nach Purfleet in Essex verschifft worden. Die Anklage wirft dem 25 Jahre alten Robinson auch Menschenhandel und Verstöße gegen das Einwanderungs- sowie das Geldwäschegesetz vor, teilte die Polizei in Essex am Sonntag mit. Der Angeklagte soll am Montag einem Gericht in Chelmsford vorgeführt werden.

          Drei weitere Verdächtige wurden vorerst auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Es handelt sich um einen Mann und eine Frau aus dem nordwestenglischen Cheshire sowie einen weiteren Mann aus Nordirland. Die vorübergehende Festnahme eines 20 Jahre alten Mannes in Dublin, sei ebenfalls „von Interesse“ für die Ermittlungen, hieß es bei der Polizei. Mittlerweile sind die Leichen der 31 Männer und der acht Frauen aus dem Container entfernt worden. Die Opfer würden untersucht, hieß es. Nach Aussagen der Polizei haben sie nur sehr wenige Dokumente bei sich gehabt, weshalb sie mithilfe von Fingerabdrücken, DNA-Proben und körperlichen Merkmalen wie Narben oder Tätowierungen identifiziert werden müssten.

          Zunächst hatte es geheißen, die Toten seien Chinesen gewesen. Offenbar handelt es sich aber überwiegend oder ausschließlich um Vietnamesen, von denen einige mit gefälschten chinesischen Pässen ausgestattet waren. Eine Organisation für Vietnamesen im Vereinigten Königreich teilte am Wochenende mit, dass ihr Fotos von mehr als zwanzig vermissten Vietnamesen zugeschickt worden seien. Die vietnamesische Botschaft in London hat eine Hotline eingerichtet.

          24 Vermisste aus Zentralvietnam

          Besondere Anteilnahme rief in der britischen Presse der Fall der 26 Jahre alten Vietnamesin Pham Thi Tra My hervor. Sie hatte am Dienstag eine Textnachricht an ihre Eltern geschrieben, in der es hieß: „Es tut mir sehr, sehr leid, Mami und Papi, mein Trip in ein anderes Land ist gescheitert. Ich sterbe, ich kann nicht atmen. Ich liebe Euch sehr, Mami und Papi. Es tut mir leid, Mutter.“ Der Vater der Vietnamesin hatte sich schon am Freitag mit einem Brief an die vietnamesischen Behörden gewandt. Dem Brief hatte er ein Foto seiner Tochter beigelegt. Pham Van Thin äußerte die Vermutung, seine Tochter sei unter den Toten in dem Lastwagen. Sie hatte die SMS offenbar einige Stunden, bevor der Lastwagen mit den Leichen gefunden worden war, abgeschickt.

          Dem Vater zufolge hatte die Tochter Vietnam am 3. Oktober verlassen. Danach war sie über China und Frankreich nach Großbritannien gereist. Die Eltern berichteten der vietnamesischen Presse, die Tochter habe schon länger nach Großbritannien gelangen wollen. Dort habe sie Geld verdienen wollen, um Schulden der Familie zu bezahlen und die Eltern aus der Armut zu befreien. Ihre Familie habe für die Reise mehr als 40.000 Dollar bezahlen sollen und schon eine Anzahlung von umgerechnet etwa 22.000 Dollar geleistet. Die Mutter gab an, sie habe ihre Tochter von der Reise abhalten wollen.

          Nach Angaben der vietnamesischen Presse hatten bis Sonntag zwei Dutzend Familien Angehörige als vermisst gemeldet. Den Berichten zufolge hatten sie gewusst, dass ihre Familienmitglieder auf dem Weg nach Großbritannien gewesen waren. Das letzte Lebenszeichen hatten sie vergangenen Mittwoch erhalten, kurz bevor der Kühlwagen mit den Opfern entdeckt worden war, berichtete die Online-Zeitung „VN Express“. Ein Vater mit dem Namen Ngyuen Ding Gia aus dem Dorf Thanh Loc sagte, er habe ebenfalls zu diesem Zeitpunkt den Kontakt zu seinem 20 Jahre alten Sohn Nguyen Dinh Luong verloren.

          24 Vermisste stammen offenbar aus Zentralvietnam. Viele Migranten machen sich von dort auf den Weg nach Europa. Es handelt sich um dörfliche Gegenden mit bescheidenen Verhältnissen. Trotz der wirtschaftlichen Entwicklung Vietnams seit Beginn der Wirtschaftsreformen leben noch immer viele Menschen in Armut. In Vietnam wurden die Entwicklungen mit Erschütterung aufgenommen. Christen in den Heimatdörfern der Vermissten hielten Trauergottesdienste ab. Vietnams Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc kündigte an, dass der Menschenschmuggel von Vietnamesen untersucht werden soll. Sofern sich der Verdacht, dass es sich um Vietnamesen handeln könnte, erhärte, sollten entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Der Regierungschef drohte auch mit rechtlichen Folgen für die Menschenschmuggler.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Miteinander kochen und Gesellschaftsspiele machen: Isolation ist auch Zeit für Nähe.

          Corona-Krise : Soziale Isolation als Chance

          Ja, man kann nicht shoppen oder in den Club gehen. Aber die soziale Isolierung durch Corona sollte man nicht nur als negativ begreifen – sondern auch als einzigartige Chance. Dann wäre viel gewonnen für Krisen, die noch vor uns liegen.
          Auch die Aktionäre der Lufthansa bekommen keine Dividende.

          Die Vermögensfrage : Dividende, komm bald wieder

          Absagen über Absagen: Erst werden viele Hauptversammlungen verschoben, jetzt werden die Gewinnbeteiligungen gekappt. Man könnte die Krise kriegen.
          Kann eine Tracking-App gegen das Virus helfen?

          Apps zur Virusbekämpfung : Mit Technik gegen die Seuche

          Im Kampf gegen Corona gelten Südkoreas digitale Werkzeuge als Vorbild. Doch Apps wie in Asien sind in Deutschland unvorstellbar. Nur Systeme, die die Bürger nicht durchleuchten, können jetzt helfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.