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Letzte Station Sicherungsverwahrung : Wo andere aufhören, fangen wir erst an

Als Hardliner sieht er sich nicht, aber „Behandlungsduselei ist auch nicht mein Ding“: Direktor Skirl in einem Flügel der JVA Werl.
          6 Min.

          Wenn Michael Skirl nach dem Mittagessen von der Kantine zurück in sein Büro geht, wenn er die schraubenzieherlangen Schlüssel aus seinem Hosenbund zieht und die Gittertore aufschließt, die den Weg über den Hof in beherrschbare Einheiten portionieren, immer im Blickfeld des Wachturms, auf dem zwei Vollzugsbeamte, ein Nato-Gewehr G3 und eine Maschinenpistole MP5 Dienst tun, kommt er an einem Gebäude vorbei, das sie hier Haus 2 nennen oder auch: das Haus am See. Bleich steht die Sommersonne am Himmel, eine Ente watschelt über den Asphalt. Von Haus 2 nähert sich ein Sicherungsverwahrter. Der Friseur - ein Gefangener vom Fach - habe ihm die Haare verschnitten. Ob der Gefängnisdirektor etwas tun könne?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für einen Moment stehen sie sich gegenüber, zwei Männer wie Klöpse, der Eingesperrte etwa halb so alt wie Skirl und noch wuchtiger. Zwischen ihnen: ein Zaun, hoch wie eine Hauswand, elf Hierarchiestufen und eine Tat, vermutlich Mord oder Vergewaltigung, wie bei den meisten Sicherungsverwahrten. Aber das weiß Skirl nicht genau: „Ich als Chef muss das nicht wissen. Und es ist das Beste, den Männern ohne Vorbehalte zu begegnen.“

          Vielleicht hart, aber fair: Werl, im Bereich der Sicherungsverwahrung.
          Vielleicht hart, aber fair: Werl, im Bereich der Sicherungsverwahrung. : Bild: Daniel Pilar

          Die neue Frisur: Nun ja. Brav fallen die Haare vom Scheitel zur Seite, der Hinterkopf ist kurzrasiert. Keine groben Schnitzer. Dranschneidern sei nicht, schnoddert Skirl. Auch in Freiheit werde man nicht mit jeder Frisur glücklich; er wolle sehen, was sich tun lasse, vielleicht ein Nachschnitt draußen, bei der nächsten Ausführung. Versprechen könne er nichts. Er wirkt zugänglich und wahrt dabei Distanz.

          “Atmosphäre schaffen“ nennt Michael Skirl solche Gespräche am Rande und formuliert damit zugleich seinen Anspruch als Leiter einer Justizvollzugsanstalt: ein Klima herzustellen, in dem jeder seinen Job so gern und gut wie möglich macht, während die Insassen sich vielleicht hart, im Idealfall aber fair behandelt fühlen.

          „Wir sind kein Mädchenpensionat“

          Das Gefängnis in Werl im nordrhein-westfälischen Kreis Soest, das Skirl seit 13 Jahren leitet, gehört mit rund 850 Insassen und 450 Mitarbeitern nicht nur zu den großen in Deutschland. Werl ist traditionell eine Einrichtung für Hartgesottene. „Wir sind kein Mädchenpensionat“, sagt der Anstaltsleiter gern. Und: „Wo andere aufhören, fangen wir erst richtig an.“

          Hier sitzen Kriminelle mit Karriere, langer Strafe und ungünstiger Prognose; keine zwei Dutzend kommen in den Genuss von Haftlockerungen, maximal drei Dutzend machen Therapien. Gegessen wird in der Zelle. „Teile und herrsche“, sagt Skirl und serviert Obsttörtchen aus der anstaltseigenen Bäckerei: „Von Mörderhand gebacken, wohl bekomm’s.“

          Ein Gefängnisdirektor ist kein Irgendwer. Im Konferenzraum des Verwaltungstrakts hängt neben anderen historischen Schwarzweißfotos das Bild eines Jugendstilbaus aus dem Jahr 1908; „Wohnhaus des Direktors“ ist es betitelt, davor steht eine Pferdekutsche als Dienstfahrzeug. Skirls Ford Focus ist ein Privatwagen. Aber in der Fußgängerzone von Werl mit seinen 32 000 Einwohnern wird auch er heute noch gegrüßt. Damit sie ihm an der Supermarktkasse nicht außerdem in den Einkaufswagen schielen, hat er die Dienstvilla seinem Stellvertreter überlassen. Der kinderlose Skirl, dessen Lebensgefährtin im Rheinland wohnt, lebt lieber zwanzig Kilometer entfernt. „Das ist genau der richtige Abstand“, sagt der Einundsechzigjährige. „Auch innerlich.“

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