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Lebenslange Haft : Gericht bestätigt Urteil gegen deutsche Studentin

Bild: reuters

Ein schwedisches Berufungsgericht hat die Verurteilung der als „Hammermörderin“ bekannt gewordenen deutschen Studentin Christine S. zu lebenslanger Haft bestätigt.

          3 Min.

          Auch in zweiter Instanz ist die deutsche Studentin Christine S. zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die 32 Jahre alte Hannoveranerin soll nach Überzeugung des Oberlandesgerichts in Västerås des Mordes an zwei Kleinkindern und des versuchten Mordes an deren Mutter schuldig sein. Das Gericht bestätigte damit am Montag das Urteil der ersten Instanz vom Oktober vergangenen Jahres.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie kam als Strafmaß nicht in Frage - schon im ersten Verfahren wurde Christine S. für voll zurechnungsfähig befunden. Die Gefängnisstrafe soll sie in Deutschland antreten, die Richter haben die Ausweisung von Christine S. angeordnet. Zudem soll sie Entschädigung zahlen. Die deutsche Studentin hatte auch im Berufungsverfahren jede Schuld von sich gewiesen.

          Mehr als vierzig Mal zugeschlagen

          Im März vergangenen Jahres, kurz nach Sonnenuntergang, soll Christine S. nach Überzeugung des Gerichts in das Haus von Emma J. in der schwedischen Kleinstadt Arboga eingedrungen sein. Mit einem spitz zulaufenden Gegenstand - vermutlich einem Zimmermannshammer - habe sie danach auf Emma J., ihre einjährige Tochter Saga und den drei Jahre alten Sohn Max eingeschlagen - mehr als vierzig Mal. Die Kinder starben, die Mutter überlebte mit schweren Kopfverletzungen. Sie lag zehn Tage im Koma.

          Chistine S. mit Anwalt vor dem Gericht in Västerås
          Chistine S. mit Anwalt vor dem Gericht in Västerås : Bild: AFP

          Aufgrund der Brutalität der Tat, war der Prozess gegen Christine S. lange nicht von den Titelseiten der schwedischen Boulevardpresse wegzudenken: Christine S. fand sich erst als „die Deutsche“ und nach der Verurteilung in erster Instanz als „Hammermörderin“ unter voller Namensnennung und mit Bild regelmäßig in den Schlagzeilen wieder. Aus dem Gerichtssaal wurde in der Manier eines Fußballtickers auf den Internetseiten der großen Zeitungen berichtet.

          Motiv: Eifersucht

          Das Motiv der Studentin aus Hannover soll Eifersucht gewesen sein. So stellte es Staatsanwältin Frieda Gummesson bei ihrem Schlussplädoyer in Västerås dar. Christine S. habe demnach die Trennung von ihrem schwedischen Freund Torgny H. - einer Urlaubsliebe, der sie nach Schweden gefolgt war - nicht verwunden. Als dieser mit Emma J. eine neue Partnerin fand, habe Christine S. sein Glück nicht ertragen können. Mehrmals hatte sie in dieser Zeit versucht, sich das Leben zu nehmen.

          Gummesson beschrieb die deutsche Studentin als eine „kontrollierte und kalte Person“, die Emma und ihre Familie schon lange verfolgt habe. Tatsächlich fanden Ermittler Fotos vom Emmas Haus auf dem Laptop der Deutschen, zahlreich wurde im Internet von dem Computer aus die Suchanfrage „Arboga“ gestellt. Christine S. gab an, nichts darüber zu wissen - den Laptop hätten auch viele andere Freunde benutzt. Auch das Motiv sei konstruiert, warf sie der Staatsanwaltschaft vor. Mit Tagebucheinträgen hatte sie in der Berufungsverhandlung versucht zu belegen, dass ihre Liebe zu Torgny H. schon lange vor der Tat erloschen gewesen sei.

          Viele Indizien, aber keine Beweise

          Neue Beweise konnten im Berufungsverfahren nicht präsentiert werden - gegen die Deutsche sprechen viele Indizien, technische Beweise für ihre Schuld gibt es jedoch nicht. So fehlt weiterhin die Tatwaffe oder eine DNA-Spur, die Christine S. mit dem Tatort in Verbindung bringt. Ob Schuhspuren im Hausflur wirklich zu ihr gehören, ist umstritten. Passende Schuhe trug Christine S. zwar auf einem alten Foto - gefunden wurde das Paar jedoch nie. Sicher ist, dass Christine S. an dem Tag der Tat in Arboga war - mehr als eine Zugstunde entfernt von ihrer Wohnung in Stockholm. Sie will dort aber nur archäologische Steinformationen fotografiert haben. Auch diese Fotos wurden jedoch nie gefunden.

          So blieb auch im Berufungsverfahren die Glaubwürdigkeit der einzigen Tatzeugin ein zentraler Punkt der Anklage: Emma J. will Christine S. erkannt haben, bevor sie niedergeschlagen wurde. Nachdem in erster Instanz ein Sachverständiger es kaum für möglich hielt, dass Emma sich trotz der schweren Kopfverletzungen so gut erinnern kann, widersprach in zweiter Instanz ein weiterer Sachverständiger - die Aussage von Emma J. könne glaubhaft sein.

          Ein Sieg für Max und Saga

          Im Gegensatz zum ersten Urteil waren in der Berufungsverhandlung nicht die Laien- sondern die Berufsrichter in der Überzahl. Im schwedischen Rechtssystem bleibt Christine S. noch eine weitere Instanz. Ob sie diese auch in Anspruch nehmen wird, ist nach Auskunft ihrer deutschen Anwältin Tanja Brettschneider noch unklar - bis Freitag soll eine Entscheidung fallen. Da für die Eröffnung einer dritten Instanz jedoch Verfahrensfehler nachgewiesen werden müssten, seien die Aussichten auf eine Revision „verschwindend gering“. Das Urteil sei enttäuschend, sagte Brettschneider dieser Zeitung. Nur aufgrund von Indizien dürfe man ihre Mandantin nicht zu lebenslanger Haft verurteilen. Der Vater der ermordeten Kinder sagte schwedischen Medien nach dem Urteil, dies sei ein Sieg für Max und Saga.

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