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Ehrenmord-Prozess : Sie wollte sich dem Willen der Eltern nicht beugen

  • -Aktualisiert am

Vater Khans hat laut Anklage die Ermordung der eigenen Tochter „kaltblütig geplant“. Bild: dpa

Die 19 Jahre alten Lareeb wurde von ihrem Vater erwürgt, weil sie eine heimliche Beziehung unterhielt. Der Prozess in Darmstadt zeichnete das Bild einer abgeschotteten Familie, die ihren ganz eigenen Sitten verpflichtet ist.

          Wie die 19 Jahre Lareeb Khan in der Nacht auf den 28. Januar dieses Jahres in einer Wohnung in Darmstadt-Kranichstein starb, hat der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt weitgehend klären können. Die Berufsschülerin, deren Eltern aus Pakistan stammen, wurde erwürgt vom eigenen Vater, in Gegenwart ihrer Mutter. Beide haben das zugegeben. Die Verletzungen lassen nach Ansicht eines Sachverständigen auf ein brutales Vorgehen schließen. Hinweise, dass die Tochter sich wehren konnte, muss man eher mit der Lupe suchen: ein Kratzer am Kopf des Vaters. Den freilich könnte er sich irgendwo geholt haben. Auch am wesentlichen Grund für die Tat besteht kein Zweifel: Die junge Frau unterhielt heimlich eine Beziehung zu einem mehrere Jahre älteren Studenten.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Obwohl dieser ebenfalls aus Pakistan stammte und wie die Familie Khan Mitglied der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde war, wurde die Verbindung von ihren (und seinen) Eltern scharf missbilligt – allein deshalb, weil sie nicht Ergebnis eines Arrangements der Eltern war. Der Prozess brachte außerdem zutage, dass es in dem Konflikt, den der wegen Mordes angeklagte Vater in der Verhandlung als „Kalten Krieg“ bezeichnet hatte, mehrere Eskalationsstufen gab.

          Es begann damit, dass die Mutter, ebenfalls wegen Mordes angeklagt, über eine SMS auf dem Handy der Tochter Kenntnis von deren Beziehung erlangte. Daraufhin errichteten die Eltern ein häusliches Terrorregime mit Schlägen und Rundumüberwachung. Mag sein, dass die kleine Schwester von Lareeb im Zeugenstand die Verhältnisse dramatisierte. Jedenfalls war die Situation so schlimm, dass sich die ältere Tochter verzweifelt an die Ahmadiyya-Gemeinde wandte, die offenbar der einzige Lebensinhalt der Familie war. Die Gemeinde verurteilte die voreheliche Verbindung ebenfalls. Dennoch leitete sie Verhandlungen in die Wege, um mit den Konfliktparteien eine halbwegs gesichtswahrende Lösung zu finden. Selbst ein Kalif in London wurde eingeschaltet. Dieser verfügte schließlich, die jungen Leute müssten sofort heiraten.

          Beim Diebstahl von Kondomen ertappt

          Dass der Vater des Freundes von Lareeb Khan den Khans mehrfach zu verstehen gab, er halte ihre Tochter nicht für eine gute Partie, wurde vom Vater Khan als weitere Kränkung aufgefasst. Dass Lareeb sich dem Willen der Eltern weiterhin nicht beugen wollte, tat sein Übriges. Schließlich fand die Mutter, die im Prozess etwa von Lareeb Khans kleiner Schwester als durchaus dominant dargestellt wurde, einen an ihre ältere Tochter adressierten Brief von der Polizei.

          Dass sie ihn anstelle der Tochter öffnete, war in der Familie Khan eine Selbstverständlichkeit. Die Polizei teilte darin mit, dass Lareeb beim Diebstahl von Kondomen ertappt worden sei. Das, so drückte es der Verteidiger des Angeklagten aus, habe „das Fass zum Überlaufen gebracht“.

          Der Vortrag von Vater Khans Verteidiger am Donnerstag war bemerkenswert. Es wurde zwar ungefähr klar, worauf er abzielte. Er wollte das Vorliegen von Mordmerkmalen in Zweifel ziehen. Von Heimtücke etwa könne nicht die Rede sein. Jedenfalls sei nicht mit Sicherheit nachzuweisen, ob die Getötete arglos im Schlaf überrascht wurde – so hatten es die Angeklagten zunächst ausgesagt und später revidiert. Oder aber, ob die junge Frau als unmittelbare Folge eines Konflikts um die gestohlenen Kondome erwürgt wurde. Auch von einem dezidiert geplanten Verbrechen könne man nicht ohne Zweifel ausgehen.

          Mutter Khans soll sich dem Willen ihres Mannes gefügt und ihm geholfen haben.

          Doch am Nachmittag hatte Vater Khan im Aufzug des Hauses die Überwachungskamera abgeklebt; mit einem Regenschirm, den die Frau aus der Wohnung zu holen hatte, wurde erprobt, wie man sich vor der Kamera verbergen könnte. Der Richter hat unter anderem zu entscheiden, inwieweit die Frau wusste und billigte, was ihr Ehemann mit all dem bezweckte. Klar ist jedenfalls, dass die Tochter wenige Stunden später tot war. In tiefer Nacht wurde sie im Aufzug nach unten transportiert und von den Eltern gemeinsam an dem Platz abgeladen, an dem die Familie sonst zu grillen pflegte.

          Ein abgeschottetes Leben

          Für das, was sich im Januar mit großer Wahrscheinlichkeit ereignete, hat sich in Deutschland der Begriff Ehrenmord eingebürgert. Die jüngere Rechtssprechung des Bundesgerichtshofs sieht dabei in der Regel niedere Beweggründe vorliegen. Auch dagegen versuchte die Verteidigung zu argumentieren. Der Verteidiger des Vaters sprach von einem „endgültigen Vernichtungsschlag“ der Tochter gegen den Vater, weil sie vor ihrem Tod die Hand gegen diesen erhoben habe. Der Vater habe da „keine Zeit“ gehabt, an die Rechtsprechung des BGH zu denken.

          Überhaupt warb der Verteidiger etliche Male darum, der Vorsitzende Richter möge doch versuchen, sich in die Gedankenwelt der Angeklagten hineinzuversetzen. Er bemühte dabei auch Wendungen wie „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Demnach haben beide Elternteile, anders als es die Staatsanwaltschaft dargestellt hatte, ein abgeschottetes Leben geführt, das pakistanischen Normen und Sitten verpflichtet war. Dass sie beide mehr als 20 Jahre in Deutschland leben, ändere daran nichts.

          Mit ebendieser Begründung versuchte auch der Verteidiger der Ehefrau, deren Rolle bei der Tötung der Tochter als passiv und so unterwürfig darzustellen, wie sie, entgegen der Aussagen mancher Zeugen, generell in der Beziehung gewesen sei. Sie habe sich in den Fatalismus gefügt, den sie „mit der Muttermilch aufgesogen“ habe. Er plädierte auf Beihilfe zum Totschlag. Am Dienstag soll das Urteil verkündet werden.

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