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Kriminalstatistik 2020 : Mehr Gewalt gegen Kinder registriert

Die Gewalt an Kindern hat im Jahr 2020 deutlich zugenommen. Bild: dpa

Im vergangenen Jahr hat Gewalt gegen Kinder deutlich zugenommen. Laut den Ermittlern liegt es nahe, dass die Pandemiesituation bestimmte Taten begünstigt haben könnte. Zudem wurde deutlich mehr Kinderpornographie verbreitet.

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          Gewalt gegen Kinder hat in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Das geht aus Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik hervor, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurden. Vor allem wurde deutlich mehr Kinderpornographie verbreitet; die Zahl der von der Polizei registrierten Fälle stieg um 53 Prozent. Bei der Misshandlung Schutzbefohlener wurde eine Zunahme um ein Zehntel im Vergleich zum Vorjahr registriert. Auch wegen sexuellen Missbrauchs ermittelten die Beamten häufiger als noch 2019 – die Zahl stieg um knapp sieben Prozent. 152 Kinder wurden vorsätzlich oder fahrlässig getötet oder starben infolge von Körperverletzung; ein Jahr zuvor waren es 112 Kinder gewesen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, nannte die Zahlen „unerträglich“. Deutschland habe einen „Kipppunkt“ erreicht: „Wir müssen verhindern, dass das System kollabiert.“

          Friederike Haupt
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Die Frage, inwiefern die Folgen der Corona-Pandemie die Gefahr für Kinder verschärft haben, lässt sich aus Sicht der Ermittler nicht eindeutig beantworten. Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, betonte, man könne keinen direkten Zusammenhang zwischen der Pandemie und den Fallzahlen herstellen. Die Taten hätten sich, obwohl sie in der Statistik für 2020 auftauchen, nicht alle im vergangenen Jahr ereignet. Die Statistik erfasst die Fälle zu dem Zeitpunkt, an dem die Polizei ihre Bearbeitung abschließt. So sei mehr als ein Viertel der erfassten Straftaten nicht 2020, sondern bereits davor geschehen.

          Meist im häuslichen Umfeld

          Münch gestand aber auch ein, es liege nahe, dass die Ausnahmesituation infolge der Pandemie bestimmte Taten begünstigt haben könnte. Die überwiegende Zahl der Gewalttaten gegen Kinder finde im häuslichen Umfeld statt. Infolge der Lockdowns seien viele Erwachsene häufiger zu Hause gewesen, hätten auf engem Raum viel Zeit miteinander verbringen müssen, seien oft auch gereizter gewesen. Die Kinder seien wegen fehlender Freizeitmöglichkeiten und wegen des Homeschoolings ebenfalls mehr daheim gewesen. Dazu komme, dass mögliche Unterstützer der Kinder, die sonst auf deren Unversehrtheit achteten, weniger Zugang zu diesen gehabt haben dürften. Kinder und Jugendliche waren also potentiellen Gewalttätern aus ihrem direkten Umfeld stärker ausgeliefert als zuvor.

          Viele Erwachsene verbrachten zudem mehr Zeit am heimischen Computer. Der Konsum von Kinderpornographie in Europa ist laut Europol im ersten Corona-Lockdown um rund ein Drittel gestiegen.

          BKA-Präsident Münch wies aber darauf hin, dass er für die kommenden Jahre mit einem weiteren Anstieg der Zahlen rechne. Das habe damit zu tun, dass Taten, die bisher im Dunkelfeld liegen, überhaupt erst sichtbar würden. Die Verfahren zur Identifizierung von verdächtigen Dateien im Netz würden immer besser, zugleich werde auch die internationale Kooperation der Ermittler enger. Hinzu kämen ausgedehnte Ermittlungen gegen Kinderpornoringe in Deutschland sowie eine Entwicklung unter Jugendlichen, solches Material ohne pädosexuelle Motivation untereinander weiterzuleiten, als Mutprobe. Zugleich machte Münch deutlich, dass sich gerade in Sachen Kinderpornographie die Täter weiter professionalisierten; Foren würden akkurater organisiert, verschlüsselte Kommunikation verbreite sich.

          Der Missbrauchsbeauftragte Rörig forderte eine bundesweite Strategie, um sexuelle Gewalt im Netz zu bekämpfen. Um eine solche Strategie zu erarbeiten, solle der nächste Bundestag eine Enquetekommission mit Fachleuten einsetzen. Rörig verlangte außerdem, bei der Polizei und der Justiz massiv Personal aufzustocken. Ermittlungen dürften nicht daran scheitern, dass Durchsuchungsbeschlüsse nicht vollstreckt und Datenträger nicht ausgewertet würden. Die sexuelle Gewalt im Netz „scheint uns zu entgleiten“, der digitale Raum werde von Kinderpornographie geradezu „überschwemmt“. Er dürfe nicht länger „ein Paradies für Pädokriminelle“ sein. Aber auch die analoge Welt dürfe nicht aus dem Blick geraten, so Rörig: „Sexuelle Gewalt gibt es überall, sie ist trauriger Alltag.“

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