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Kriminalstatistik 2006 : Identitätsklau im Netz

Täuschend ähnlich: Hier können Postbank-Kunden schnell zum Phishing-Opfger werden Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Internetkriminalität nimmt zu, digitale Betrüger werden immer professioneller. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Die Polizei ist personell und technisch nicht in der Lage, etwa gegen kriminelle Methoden wie das „Phishing“ vorzugehen.

          Weniger Kriminalität und eine höhere Aufklärungsquote - so lautet das Fazit des Bundesinnenministeriums angesichts der am Dienstag von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik für 2006. Das gilt allerdings nicht für die Internetkriminalität, die nicht zuletzt durch den Kinderpornographie-Fall bei „Second Life“ wieder für Aufsehen gesorgt hat.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Internetkriminalität sei - auch wenn man nicht auf vergleichende Zahlen zugreifen könne - deutlich angewachsen, sagt Christian Sachs vom Innenministerium. Besonders Betrugsdelikte hätten bei „Straftaten mit Tatmittel Internet“ deutlich zugenommen.

          Warenbetrug kommt am häufigsten vor

          So sind allein im vergangenen Jahr 86.345 Fälle von Warenbetrug im Internet registriert worden - das sind mehr als die Hälfte (52,1 Prozent) aller Straftaten im Netz. Ebenfalls bemerkenswert sind die Anteile bei Straftaten im Zusammenhang mit Urheberrechtsbestimmungen (6,8 Prozent), bei Computerbetrug (5,2 Prozent) sowie bei der Verbreitung pornographischer Schriften (3,6 Prozent).

          Die Zunahme des Warenbetrugs im Netz sei zu einem Großteil mit der vermehrten Nutzung des Internets zu erklären, heißt es in der Kriminalstatistik. Ein weiterer Bedarf an Sicherungsvorkehrungen sei erkennbar.

          Dimensionen der Internetkriminalität kaum messbar

          Der Bund deutscher Kriminalbeamter kritisiert die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die tatsächliche Dimension der Internetkriminalität werde durch die Zahlen der Kriminalstatistik nur zu Bruchteilen dargestellt, so der Bundesvorsitzende des Bunds deutscher Kriminalbeamter, Klaus Jansen.

          „Wir haben zu wenig Personal und zu wenig Technik bei den Dienststellen, um die Dimensionen der Internetkriminalität erfassen und effektiv bekämpfen zu können“, sagt Bernd Carstensen, Bundespressesprecher des Bunds deutscher Kriminalbeamter. Derzeit könnten nur Einzelfälle erfasst und verfolgt werden. Hinzu komme, dass Opfer oft gar nicht wüssten, dass sie Opfer seien.

          Passwort-Fishing geschieht oft unbemerkt

          Das Phishing - das Passwort-Fishing mittels so genannter Trojanischer Pferde -, bei dem personenbezogene Daten abgefangen werden, geschehe oft, ohne dass die Betroffenen etwas merkten. Und gerade dieser Identitätsdiebstahl sei auf dem Vormarsch, heißt es beim Bundeskriminalamt. 90 Prozent, etwa 3.000 Fälle, der Meldungen, die in den vergangenen beiden Jahren über den „Kriminalpolizeilichen Meldedienst Informations- und Kommunikations-Kriminalität“ eingingen, betrafen Phishing.

          Die wahren Dimensionen könne eine Statistik gar nicht erfassen, sagt Carstensen. Daher fordert der Bund deutscher Kriminalbeamter mehr Leute mit Fachwissen und mehr Polizeibeamte, die im Internet recherchieren könnten. „So wie Polizisten in gefährlichen Milieus regelmäßig Streife laufen“, sagt Carstensen, „so muss es in Zukunft auch im Internet möglich sein.“

          Cyber-Cops patrouillieren bei „Second Life“

          Auf den Kinderpornographie-Fall bei „Second Life“ reagiert das bayerische Landeskriminalamt mit so genannten Cyber-Cops. Netzwerkfahnder nehmen die Vorgänge bei „Second Life“ unter die Lupe. Das sei aber nur stichprobenartig möglich. Und auch die rechtliche Bewertung bei einem Verdacht auf Straftaten im Internet könne im Einzelfall schwierig sein, so Ludwig Waldinger, Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamts in München.

          Wenn man in virtuellen Welten sexuelle Handlungen betrachten kann, prüfen die Fahnder zusammen mit der Staatsanwaltschaft, ob Straftaten vorliegen. Wenn aber bei „Second Life“ kinderpornographische Bilder als Dokumente hinterlegt werden, haben die Ermittler greifbare Beweise für eine Straftat.

          Die Polizei hat personelle und technische Defizite

          Regine Derr vom Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindervernachlässigung des Deutschen Jugendinstituts in München fordert die Internet-Experten der Polizei in allen Bundesländern auf, „Second Life“ mit Blick auf Straftaten genau zu beobachten. Doch die personelle und technische Ausstattung sei derzeit an der Untergrenze, sagt Carstensen.

          Und das, obwohl die Internetbetrüger und auch Kriminelle, die pornographische Schriften verbreiten, sich immer besser absicherten und die technische Abschottung immer ausgeklügelter werde. Das Bundeskriminalamt spricht gerade bei Phishing von einem Trend zur Professionalisierung und von kriminellen Netzwerken und Organisationen.

          Wenig online sein ist der sicherste Schutz

          Carstensen erwartet in den kommenden Jahren eine erhebliche Zunahme der Internetkriminalität. Schützen könnten sich Internetnutzer nur durch hochaktuelle Antivirenprogramme und komplizierte Passwörter. Ansonsten hat auch Carstensen nur einen Rat: wenig online unterwegs sein. Denn je häufiger man sich im Internet aufhalte, desto höher sei auch die Gefahr, Opfer von Phishing oder Ähnlichem zu werden. Internet-Ermittler der Polizei sind jedenfalls dankbar für jeden Hinweis von Internetnutzern, denen im Internet etwas seltsam vorkommt.

          Bei alledem ist Internet-Kriminalität nicht einmal nur Internet-Kriminalität: Das Netz spiele bei gewaltbereiten Jugendlichen auch eine Verstärkerrolle, sagt der Leiter des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer. Ohnehin gefährdete junge Menschen aus den sozialen Randlagen nutzten das Internet verstärkt zum Herunterladen verbotener Filme und Spiele - während Kinder aus der gesicherten Mittelschicht eher der Information wegen ins Netz gehen.

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