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Kriminalität in Japan : Eine dicke schwarze Null des Verbrechens

Tokio bei Nacht: Selbst die Metropole ist, was Verbrechen betrifft, vergleichsweise friedlich. Bild: Martin Roemers/laif

In keinem Land wird so wenig gemordet, geraubt und gestohlen wie in Japan. Und doch fühlen sich viele Japaner unsicher. Warum? Beobachtungen aus Tokio.

          Japan ist in vielerlei Hinsicht ein Wunderding. Auch unter Kriminologen gilt das Land schon lange als Ausnahmefall. Verglichen mit anderen Industrieländern, wird in dem ostasiatischen Land deutlich seltener gemordet, geraubt oder gestohlen. „Selbst unter den Bedingungen der Globalisierung hat die Zahl der Straftaten nicht zugenommen“, stellt das Justizministerium in Tokio für 2013 fest; knapp über zwei Millionen Fälle registrierte die Justiz im vergangenen Jahr. Rund die Hälfte davon sind Diebstähle, die nach einem Hoch um die Jahrtausendwende mittlerweile wieder auf dem Niveau angelangt sind, das sie in den fünfziger und sechziger Jahren hatten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Seit zehn Jahren sinkt die Zahl der registrierten Straftaten in Japan Jahr für Jahr deutlich, und doch fühlen sich viele Japaner unsicherer denn je. Über Morde und Gewalttaten berichten die Medien in großer Aufmachung. Dabei ist selbst die Hauptstadt Tokio - im Großraum wohnen mehr als 30 Millionen Menschen auf dichtem Raum zusammen - statistisch sicherer als alle anderen Metropolen.

          Kenji Ohno ist Superintendent bei der Tokyo Metropolitan Police und Vizechef der Kriminalabteilung der Polizei von Tokio. 400 Mitarbeiter hat er; von der Spurensicherung über Computerspezialisten bis hin zu Chemikern und Biologen für die DNA-Analyse sind Japans Kriminalisten technisch führend in der Welt. Ohno wird bei Mord nur dann herangezogen, wenn die Tat in der japanischen Hauptstadt Schlagzeilen macht. Kommt das Verbrechen mit großen Artikeln in den Zeitungen, ist das Opfer ein Prominenter - dann kümmert sich die Zentrale um den Fall. Ein „normaler Mord“ landet dagegen bei den Kripobeamten in den örtlichen Polizeirevieren.

          Ohno, ein kräftiger Mann mit kantigem Schädel, ist das Bild eines Kripomanns. Im Gespräch verzieht er keine Miene - kein Lächeln, kein Zwinkern. „Die Zahl der Tötungsdelikte in Tokio geht seit Jahren zurück“, bestätigt Ohno. 108 waren es im vergangenen Jahr, zehn weniger als im Vorjahr. Im Schnitt der vergangenen Jahre gingen etwa 20 Prozent von Mord und Totschlag auf das Konto von Bandenkriegen verfeindeter Gruppen der Yakuza, wie die japanische Mafia genannt wird. Die Tendenz aber auch hier sinkend, seit die Politik den Kampf gegen die organisierte Kriminalität verstärkt hat. Berichte über Schießereien verfeindeter Gruppen finden sich kaum noch. In Tokio, wie in anderen Städten, morden die meisten Menschen in der Familie oder im Bekanntenkreis. „Beziehungstaten nehmen in letzter Zeit zu“, berichtet Ohno. „Das gilt auch für die Verbrechen, die mit Drogen zu tun haben.“

          Selbst im vermeintlich ruhigen Deutschland wird gut dreimal mehr gemordet als in Japan, in den Vereinigten Staaten sogar achtmal so oft. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt in Japan bei 97,7 Prozent. Nur die deutsche Polizei kann da mit 96,1 Prozent mithalten. In den Vereinigten Staaten werden dagegen nur 64,8 Prozent dieser Fälle gelöst. Unter Japanern, das zeigen die internationalen Vergleichszahlen seit Jahren ganz deutlich, sind Mord und Tot-schlag, aber auch Diebstähle seltener als anderswo.

          Warum ist das so? Sozialwissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen. Die Theorien westlicher Kriminologen, die einen engen Zusammenhang zwischen sozialen Spaltungen der Gesellschaft und Kriminalität festgestellt haben, verfangen im Land der aufgehenden Sonne offenbar nicht. Die japanische Kultur der Scham mag nicht so anfällig sein für Kriminalität. Zudem sind Harmonie und Gruppenzugehörigkeit immer noch stärker ausgeprägt. Der norwegische Soziologe Dag Leonardsen hat sich ausführlich mit dem Sonderstatus des ostasiatischen Landes beschäftigt. Neben strukturellen Faktoren wie Modernisierung und Verstädterung scheint es demnach auch eine kulturelle Dimension des Verbrechens zu geben. Wie anders ließe sich erklären, dass Plünderungen nach Naturkatastrophen in Japan stets Ausnahmefälle waren, während in anderen Ländern nach solchen Katastrophen das Militär allein die Ordnung noch aufrechterhalten und Plünderungen verhindern konnte?

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