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Kriminalität im Vatikan : Stehlen tun nur die Ausländer

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Wo Gläubige sich versammeln, sind Taschendiebe nicht weit

Wo Gläubige sich versammeln, sind Taschendiebe nicht weit Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Vatikan ist kein Ort der Seligen. Fast 90 Prozent der gemeldeten Diebstähle und Betrügereien bleiben ungesühnt: die Täter werden nicht gefaßt oder ihre Bestrafung ist schlicht zu aufwendig.

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          Der Staat der Vatikanstadt in Rom ist bekanntlich der kleinste der Welt. Aber er ist offenbar nicht so klein, daß dort nicht Verbrechen und Vergehen begangen werden, und nicht zu klein, als daß nicht eine Justizbehörde ihres Amtes walten würde. Genau 522 Strafprozesse und 424 Zivilverfahren seien zur Zeit vor den Gerichtshöfen zu verhandeln, erklärte jetzt in einem Rechenschaftsbericht der zuständige vatikanische "Promotor Iustitiae", der "Rechtspfleger" Professor Nicola Picardi.

          Alles geht nach rechtsstaatlich gepflegter Ordnung zu, in erster, zweiter und dritter Instanz, vor dem Tribunale, Corte di Appello und Corte di Cassazione, in der drei Kardinäle (Mario Francesco Pompedda, Agostino Cacciavillan und bislang auch der am Montag verstorbene Jan Schotte) das letzte Wort haben. Bedauerlich sei jedoch, so Picardi, daß die vatikanischen Gesetzesmühlen zu langsam mahlen, mit 466 Tagen für Strafprozesse etwas schneller als die des lieben Gottes, etwas behäbiger als die der italienischen Justiz (381 Tage).

          Die Phantasie von Schriftstellern ist schlimmer

          Bei nur rund 500 Staatsbürgern des Vatikans - etwa 50 Kardinälen mit dem Papst an der Spitze, 340 Klerikern, dazu Schweizer Gardisten und ein paar Laien - wäre das eine erschreckende Kriminalitätsrate und Prozeßmenge. Aber Vatikan-Bürger sind kaum daran beteiligt. Nur in der Phantasie von Schriftstellern wird ab und zu ein Papst von umtriebigen Kardinälen ermordet. Und sehr selten wird hinter den hohen Leoninischen Mauern in den Apostolischen Palästen ein Verbrechen aus Leidenschaft behangen; so wie im Mai 1998, als ein Schweizer Gardist seinen Kommandeur, dessen Frau und sich selbst in einem Wahnsinns-Anfall von verletzter Ehre erschoß.

          Gegenstand der schwebenden Verfahren sind vielmehr Diebstähle und Betrügereien, die an den jährlich 18 Millionen Besuchern der Petersbasilika und der Vatikanischen Museen verübt werden. Die Sicherheitskräfte, vor allem die "Gendarmeria", tun zwar ihr Bestes, in Uniform und in Zivil, gegen Taschendiebe und Gauner. Aber sie können nicht überall ihre Augen haben. Immerhin fallen Gewohnheitsdiebe schneller auf. Doch den Taschendieben erleichtert ihre Arbeit, daß Pilger und Besucher vom heiligen Geschehen in der Kirche und den Kunstwerken in den Museen meist abgelenkt sind.

          Fast alle Diebe gehen straffrei aus

          Die Strafverfolgung erschwert zudem, daß es sich immer um "Ausländer" handelt, denen als Schädigern nicht so schnell der Prozeß zu machen sei. Leider würden in 90 Prozent der gemeldeten Diebstähle und Betrügereien die Täter straffrei ausgehen; der Vatikan ist offenbar doch kein Polizeistaat. Die zehn Prozent der Ertappten hätten gute Chancen, ohne einen Aufenthalt hinter Gittern davonzukommen; die Prozeduren dafür seien wegen der internationalen Verwicklungen gewöhnlich zu aufwendig. Deshalb erwäge man, so der Vatikan-Advokat Picardi, sich dem Schengener Abkommen der Europäischen Union anzuschließen - wenn der "Stato della Citta del Vaticano" dort als Anhängsel Italiens willkommen sei.

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