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Kriminalität : Auf der Parkbank saß ein brennender Mensch

Die beiden Hauptangeklagten nach der Urteilsverkündung Bild: dpa/dpaweb

Im Prozeß um die Feuer-Attacke auf einen Obdachlosen hat das Landgericht Nürnberg die beiden Hauptangeklagten wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt. Die Täter hatten im November 2002 einen 53jährigen angezündet.

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          Die Untat bot ein prächtiges Schauspiel. Zwei Spaziergängerinnen dachten schon, die Grünanlage erstrahle im Schein von Fackeln. Doch was da brannte, mitten im zivilisierten Franken, in Altdorf bei Nürnberg, war ein auf einer Parkbank sitzender Mensch.

          Roswin Finkenzeller

          Schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die beiden Frauen erwiesen sich als Meisterinnen der Ersten Hilfe. Sie stürzten sich auf einen Abfallkorb, entnahmen ihm Plastiktüten und schöpften Wasser aus dem in nächster Nähe liegenden Ankerweiher. Es war ihnen egal, ob sie an diesem kühlen Novemberabend nasse Füße bekamen oder nicht. Tatsächlich gelang es ihnen, die Flammen zu ersticken, die aus der Lederjacke eines 53 Jahre alten Mannes schlugen. Der obdachlose Pole Zygmunt R. überlebte - mit seinen Verbrennungen dritten Grades an Rumpf und Armen aber nur um acht Tage.

          Sensationswert von vier Promille

          Dort am Ankerweiher war er in Gesellschaft gewesen, allerdings in schlechter, und viel zu betrunken, als daß er noch hätte merken können, was seine Begleiter, unter ihnen die noch nicht volljährige Jana, mit ihm anstellten. Vielleicht war die Ablehnung des Angebots, mit dem Mädchen für 50 Euro Sex zu haben, die letzte Handlung seines verpfuschten Lebens, die er halbwegs bewußt vollzog. Später sollte bei einer Vernehmung der Polizeibeamte, offenbar ein Kenner der Tarife, die Frage stellen: "Warum so billig?" Ach, noch niedriger scheint für die Täter der Preis eines Menschenlebens gewesen zu sein. 30 Euro waren es gewesen, die einer der vier Angeklagten, der arbeitslose Hermann L., dem Polen gegeben hatte, damit dieser in seiner Heimat billige Zigaretten besorge. Daß L. weder die erwünschte Ware erhielt noch sein Geld wiedersah, ist für die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Nürnberg-Fürth ein Mordmotiv. Hermann und Jana sollen R. einfach angezündet haben, als er sturzhagelvoll war und den Sensationswert von vier Promille erreicht hatte.

          Gerichtsmediziner wissen, daß für einen gewöhnlichen Konsumenten vier Promille das Todesurteil sind. Die Tatsache, daß R. an seiner zu 42 Prozent verbrannten Haut zugrunde ging und nicht an Schnaps und Bier, spricht für eine langjährige Alkoholisierung. Insofern paßte der Mann ins Bild der lauschigen Grünanlage, eines Treffpunkts abgerutschter Typen.

          Biographische Knackpunkte

          Mit 14 war Jana von zu Hause ausgezogen und alsbald in der Jugendpsychiatrie gelandet, denn mit Selbstmordversuchen hatte sie auf sich aufmerksam machen wollen. Hermann, jetzt 26 Jahre alt, stammt aus soliden Verhältnissen, aus zu soliden nach seinem Geschmack. Auf dem elterlichen Hof zu arbeiten gefiel ihm ebensowenig wie eine Lehre im Einzelhandel, die er binnen kurzem abbrach. Doch am Ankerweiher war er tonangebend, was erklären könnte, daß der etwas ältere Karsten Sch. und der ebenfalls angeklagte Frührentner Roman L. - Vorwurf: Beihilfe zum Mord - Hermann nicht in den Arm fielen, als er mit dem Feuer spielte. Sch., erst Hilfsschüler, dann Hilfsarbeiter, hat von seiner Kusine einen sechs Jahre alten Sohn und gehörte zum harten Kern der Grünanlagengesellschaft. Roman hat keinen festen Wohnsitz, doch als biographischen Knackpunkt einen Motorradunfall mit Schädelbruch.

          Hermann, der Raucher, und Jana, die Raucherin, wollen dem seiner Sinne nicht mehr mächtigen Zygmunt nur mit ihren brennenden Zigaretten zu Leibe gerückt sein. Die beiden Täter geben zu, sich auch einiger Papiertaschentücher bedient zu haben, die sie angeblich unter die Lederjacke schoben. Doch darunter trug das Opfer, schließlich war es kalt an jenem 27. November 2002, noch eine Strickweste und ein Hemd, mithin einen nicht zu verachtenden Brandschutz nach Meinung eines Sachverständigen vom Bayerischen Landeskriminalamt. Dieser nun bekundet, daß Sagrotantücher optisch weitaus eindrucksvoller und auch viel gefährlicher brennen als Papiertaschentücher, vor allem wenn der Täter zu einem ordentlichen Feuerzeug greift und nicht nur zu einem Streichholz.

          Lebenslange Freiheitsstrafe

          Manches lehrt nur der Augenschein. Deshalb wird von der Strafkammer eine Ungewöhnlichkeit verfügt: Brandstiftung im Gerichtssaal. Eine Kupferschale muß her, ein Riesenaschenbecher auf hohen Beinen, in den der Fachmann ein Sagrotantuch legt. Entflammt von einem Anzünder, wie ihn Profis benützen, Zigarrenhändler zum Beispiel, verbrennt es im Nu, wenn auch nicht so schön wie drei Sagrotantücher, die Minuten später eine Flamme von 40 Zentimeter Höhe werfen und flugs zu Asche werden. Ein Papiertaschentuch lodert, wie sich außerdem zeigt, weitaus weniger großartig.

          Doch eigentlich möchte die Strafkammer auf etwas anderes hinaus. Es geht darum, welchen Schaden eine brennende Zigarette anrichten kann, etwa die des Vorsitzenden Richters Helmut Ciriacy-Wantrup. Oder doch besser die eines Beisitzers. Das Gericht jedenfalls begibt sich auf den Gang, darf doch im Sitzungssaal nur gezündelt, aber nicht gepafft werden, und Ordnung muß sein. Nun wandert der Glimmstengel von der Richterlippe in den Großaschenbecher, zu einem malerisch geknüllten Tempotaschentuch, das gar nicht daran denkt, sich zu entzünden, das vielmehr die Zigarette mit Verachtung straft, was manche Einlassung der Angeklagten entwertet und sogar zu der laut geäußerten, aber rhetorischen Frage führt, warum in aller Welt der Mensch im Bett nicht rauchen soll.

          Am Donnerstag mittag fordert die Staatsanwaltschaft lebenslange Freiheitsstrafe für Hermann L., den Hauptangeklagten; seine Komplizin Jana soll sieben Jahre Jugendstrafe erhalten. Für den Hilfsarbeiter Karsten Sch. lautet das Plädoyer auf ein Jahr Freiheitsstrafe wegen unterlassener Hilfeleistung; der 48 Jahre alte Roman soll freigesprochen werden.

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