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Kriminalität : Als Felix verschwand

Neue Spur in einem alten Dresdner Entführungsfall Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Eine Dresdner Familie sucht bis heute nach ihrem ältesten Sohn. Das Kind wurde vor über zwanzig Jahren vor einem Kaufhaus aus dem Kinderwagen geraubt. Jetzt gibt es eine neue Spur. Sie führt nach Rußland.

          6 Min.

          Lenore Tschök gehört zu jenen Menschen, die einen Raum mit Fröhlichkeit füllen können. Wenn sie gestenreich erzählt, blitzen ihre Augen in freudiger Erwartung der nächsten Pointe. Eine Arbeitskollegin sagte deshalb kürzlich zu ihr: „Lenore, du bist so ein Typ, dem passiert nichts Schlimmes.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Alles in allem haben es Lenore Tschök und ihr Mann Eberhard gut getroffen. Den beruflichen Umbruch nach der Wende haben beide gemeistert. Die Kinder, 17 und 19 Jahre alt, sind gesund. Der Große studiert schon. Der Große?

          Es sind diese scheinbar unspektakulären Worte, die Lenore Tschök immer wieder mitten im Satz an das schlimmste Ereignis ihres Lebens erinnern. Denn Fabian ist nicht der Große. Lenore und Eberhard Tschöks ältestes Kind heißt Felix. Seit einundzwanzig Jahren haben sie von Felix nichts gehört und nichts gesehen.

          Felix wurde allein gelassen

          Der 28. Dezember 1984 ist ein naßkalter Tag. Lenore, damals 24, und ihr vier Jahre älterer Mann haben sich zu einem nachweihnachtlichen Bummel durch Dresden aufgemacht. Im Centrum-Warenhaus, dem heutigen Karstadt-Kaufhaus, wollen sie ihren Felix in der Kleinkindbetreuung abgeben, um in Ruhe einzukaufen. Doch dort sind schon viel zu viele Kinder. Also stellen sie den braunen Cordwagen samt schlafendem Felix in eine überdachte Nische vor dem Kaufhaus, wo sechs weitere Kinderwagen, manche ebenfalls samt Kind, geparkt sind.

          In der DDR war es nichts Außergewöhnliches, sein schlafendes Kind vor einem Geschäft kurz alleine zu lassen. Jahr für Jahr teilte die sozialistische Staatsführung den Bürgern mit, daß es kaum sonstwo auf der Welt so sicher sei wie in der DDR. Die Tschöks jedenfalls denken an jenem 28. Dezember, daß es jemand höchstens auf den Kinderwagen absehen könnte. Eberhard Tschök zieht noch schnell ein Fahrradschloß durch dessen Vorderräder.

          Doch als das Ehepaar kaum eine halbe Stunde später, gegen 16.40 Uhr, aus dem Kaufhaus kommt, ist der Kinderwagen leer. Eberhard Tschök verständigt den Wachdienst, wenig später ist die Volkspolizei alarmiert. Es beginnt eine der größten Fahndungen, die es in der DDR je gegeben hat. Die Sonderkommission „Felix“ habe hervorragende Arbeit geleistet, sagt Christian Avenarius, Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft.

          „Diese Leere war das Schlimmste“

          Eckhard Schuldt, damals Leiter der Sonderkommission „Felix“, bekam die besten Kriminalisten für den Fall. Fieberhaft versuchen die Polizisten, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen: vorbestrafte Kindesentführer, Personen, denen das Erziehungsrecht entzogen worden ist. Daß Lenore oder Eberhard Tschök selbst etwas mit der Entführung zu tun haben könnten, schließen die Ermittler schnell aus.

          „Diese Leere war das Schlimmste“, erinnert sich Lenore Tschök. Das leere Bettchen neben dem Ehebett, die Kindernahrung im Kühlschrank, die Babykleidung in der Wohnung. „Alles hat uns nur an Felix erinnert“, sagt Eberhard Tschök. In den ersten Tagen flüchtete sich seine Frau in tiefen Schlaf. „Hätte sich Eberhard nicht um mich gekümmert, ich wäre untergegangen.“

          Psychologische Betreuung erhalten die Tschöks nie. Draußen läuft unterdessen die Suche weiter. Polizisten verteilen Handzettel. Ausführlich berichten die Zeitungen der DDR über den Fall: „Bürger, wir brauchen Ihre Mithilfe“, titelt die „Sächsische Zeitung“ am 31. Dezember 1984. Auch im „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der SED, wird ein ähnlicher Aufruf abgedruckt.

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