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Kriminalbiologe Benecke zum Mordfall Bögerl : „Insekten meiden Leichen meist“

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Ein Hund hatte die Leiche gefunden, danach riegelte die Polizei den Bereich ab Bild: dpa

Der Kriminalbiologe Mark Benecke befasst sich mit forensischer Entomologie, also der Bestimmung von Insekten an verwesten Leichen. Im F.A.Z.-Interview spricht er über den Mordfall Bögerl und erklärt, wie man den Todeszeitpunkt einer Leiche bestimmt.

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          Herr Benecke, im Mordfall Bögerl versucht die Polizei nun über die gerichtsmedizinische Untersuchung, Informationen über Todeszeitpunkt und Liegedauer des Leichnams zu erhalten. Welche Möglichkeiten hat man, den Todeszeitpunkt zu bestimmen?

          Das ist ganz unterschiedlich. Bei einer Leiche, die stark verwest ist, fallen die gängigen rechtsmedizinischen Parameter wie Pupillen-Reaktion, Erregbarkeit des Skeletts, Temperaturabfall oder Leichenstarre zunächst weg. Somit ist es hier äußerst schwierig, konkrete Angaben zu machen.

          Verwest jede Leiche gleich schnell?

          Nein, natürlich sind die äußeren Umstände entscheidend. Regnet es stark? Ist es sehr heiß? Weht ein starker Wind? All das hat Auswirkungen. Beim Tsunami habe ich Fotos von Leichen gesehen, die auf der einen Seite stark ausgetrocknet waren und auf der anderen Seite grünlich verfault, da sie zum Teil im Wasser lagen. Der erste Verwesungsprozess beginnt allerdings im Körper selbst, durch die Autolyse. Dann kommen die Bakterien, bald darauf die Insekten.

          In der Gerichtsmedizin der Ulmer Universität wird der Leichnam auf geologische Spuren wie Erdanhaftungen oder Gesteinsreste, biologische Spuren wie Blut, Sperma, Exkremente oder auch Pflanzenteile und Gräser untersucht. Wichtig sind auch Insekten. Welche Insekten sind als erste an einer Leiche?

          Kommt darauf an, welche am besten dorthin gelangen können. Ist der Leichnam frei zugänglich, etwa in einem Waldstück, gehören die Schmeißfliegen zu den ersten. Ist der Leichnam zugedeckt, wird es schwieriger für die Fliegen. Aber auch Käfer sind zugegen, krabbelnde und fliegende. Zum Beispiel Kurzflügelkäfer oder Aaskäfer. Generell gilt: Je wärmer es ist, desto mehr Insekten sind da.

          Was ist mit Würmern?

          Würmer und Bodeninsekten interessieren sich kaum für Leichen. Überhaupt muss man sagen, entgegen dem Klischee: Die meisten Insekten suchen sich lieber Blumen oder Blüten und meiden Leichen. Hingegen ziehen Leichen mitunter auch Wildtiere wie Füchse oder Wildschweine an.

          Wie kann man die Liegedauer bestimmen oder zumindest eingrenzen?

          Das kann man kaum pauschal sagen. Wichtige Kriterien sind das Entwicklungsstadium und die Art der Insekten. Sind die Insekten als Made, Puppe oder erwachsenes Tier auf der Leiche vorhanden? So sieht man ungefähr, wie lange sie dort schon leben. Die Berechnungsmodelle dafür sind sehr komplex. Manchmal kann man die Liegezeit auf bis zu wenige Stunden berechnen. Dann wiederum kann eine Eingrenzung nur auf Wochen oder Monate erfolgen.

          Wenn man nun Schmeißfliegenlarven fände, was wüsste man dann?

          Zunächst gar nichts. Es kommt auf die Art der Fliege und die Temperatur an. Jede Fliegenart hat auch ihre eigene Wachstumsgeschwindigkeit. All diese Stadien sind wiederum aufgeteilt in verschiedene Phasen. Erst kommt das Ei, dann wird daraus die Larve mit ihren drei Stadien, dann verpuppt sich die Larve. Diese Zeitspanne kann sich von wenigen Wochen bis zu ein paar Monaten strecken. Und wieder ist die Temperatur ausschlaggebend, ob die Stadien schnell oder eher langsam durchlaufen werden.

          Im Fall Bögerl wird gefragt, warum ein Spaziergänger samt Hund die Leiche gefunden hat und nicht die Polizei. Es wäre also gut zu wissen, ob die Leiche schon dort lag, als die Polizei das Gebiet durchkämmte.

          Ich halte nichts davon, post mortem immer alles besser wissen zu wollen. Ich habe Fälle erlebt, in denen ich eine Leiche gerochen habe und nicht der Leichenspürhund. Einfach, weil der Wind, als der Hund unterwegs war, ungünstig stand. Außerdem kann es auch sein, dass ein Spürhund müde ist. Zudem teilen sich die Polizisten, die ein Gebiet durchkämmen, ihren Bereich aus gutem Grund in einzelne Parzellen auf. Da kann es natürlich auch sein, dass zufällig ein kleiner Abschnitt nicht bearbeitet wird, der außerhalb des Suchrasters lag.

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