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Krefeld : Der Fall Mirco ist aufgeklärt

Polizeiabsperrband am Tatort Bild: dpa

Die Polizei hat die Leiche des in Grefrath am Niederrhein entführten Mirco gefunden. Gegen einen Mann, der am Mittwoch festgenommen wurde, ist Haftbefehl erlassen worden. Es soll sich um einen Familienvater aus der Region handeln. Ein VW Passat lieferte die entscheidende Spur.

          Am Ende war es tatsächlich das Auto, das die Ermittler zum mutmaßlichen Mörder des kleinen Mirco aus Grefrath führte. Als der zehn Jahre alte Mirco Anfang September verschwand, gab es manchen Hinweis - das Fahrrad des Kindes etwa, auf das Spaziergänger in der Nähe von Mircos Elternhaus gestoßen waren, oder seine Hose und sein T-Shirt, die man auf einem Parkplatz entlang der Hinsbecker Straße fand. Mirco war also eben nicht spurlos verschwunden. Immer drängender wurde bald allerdings die Vermutung, dass der Junge nicht mehr lebt, weil er einem Sexualstraftäter zum Opfer gefallen ist. Auch der gellende Schrei, den Nonnen in der Tatnacht in der Nähe eines Klosters bei Wachtendonk nördlich von Grefrath gehört haben wollen, schien ein Hinweis darauf.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ende September hatten sich Mircos Eltern in einem im Fernsehen ausgestrahlten Appell an die Öffentlichkeit gewandt: „Ich weiß dass Mirco etwas Schlimmes zugestoßen ist“, hatte die Mutter gesagt und sich dann direkt an einen möglichen Entführer gewandt: „Gib uns bitte unser Kind zurück, oder sage, wo wir Mirco finden können.“ Selbst die größte Suchaktion in der Geschichte Nordrhein-Westfalens (zeitweilig waren 1000 Polizeibeamte sowie Tornado-Aufklärungsjets der Bundeswehr und Erkundungsdrohnen im Einsatz) blieb ohne Erfolg - obwohl Polizeihundertschaften ein mehr als 50 Quadratkilometer großes Gebiet teilweise mehrfach durchkämmten.

          Ermittlungs-Details erst am Freitag

          Und dennoch nahmen die Ermittlungen Ende Oktober die entscheidende Wendung. In mühevoller Kleinarbeit war es der Sonderkommission Mirco gelungen, den Fahrzeugtyp des mutmaßlichen Täters anhand bruchstückhafter Zeugenangaben zu identifizieren. Seit Ende Oktober waren sich die Ermittler sicher, dass Mirco vom Fahrer eines VW Passat entführt wurde. Unbekannt blieb allerdings die Farbe des Wagens, weil es zur Tatzeit schon dunkel war. Aber Ingo Thiel, der Leiter der Soko Mirco, war schon Ende Oktober davon überzeugt, dass der Passat die heiße Spur in dem Fall ist. „Egal, was der Täter bis heute unternommen hat - kennen wir den VW Passat, klären wir das Schicksal des Jungen“.

          Appell an den Täter auf einem Plakat am Ortseingang von Grefrath

          An Mircos ebenfalls gefundenem Handy war die Polizei auf Spuren gestoßen, von denen sie sagte, sie reichten aus, den Täter zu überführen. Deshalb war sich Thiel sicher, die Schlinge um den mutmaßlichen Täter ziehe sich immer weiter zu. Man werde umgehend alle Personen in der Region aufsuchen, auf deren Namen ein Passat der aufgrund der Zeugenaussage in Frage kommenden Baujahre 2005 bis 2010 angemeldet sei: 15.000 Namen.

          Wie genau die Polizei dem Mann auf die Spur kam, den sie am Mittwoch festnahm, wollten die Ermittler noch nicht offenbaren. Erst an diesem Freitag soll die Öffentlichkeit über Details informiert werden. Offen blieb deshalb, ob der Mann ein Geständnis abgelegt hat. Ebenfalls nicht Stellung nehmen wollte die Polizei zu Berichten, der Mann habe versucht, seinen VW-Passat ins Ausland zu verkaufen. „Wir haben uns dem Verdächtigen aus vielen Richtungen genähert“, sagte eine Polizeisprecher lediglich. Die Vorsicht der Behörden erklärt sich auch daraus, dass es im Fall Mirco schon in den vergangenen Wochen immer wieder Festnahmen gegeben hat, die aus gutem Grund aber „sehr diskret abgearbeitet wurden“, wie der Polizeisprecher formuliert: In allen bisherigen Fällen erwies sich nämlich schnell die Unschuld der Verdächtigen.

          Ein „spontanes Zufallsopfer“

          Der nun festgenomme Mann - nach den Angaben örtlicher Medien ein 46 Jahre alter Familienvater aus dem Landkreis Viersen, in dem auch Mircos Wohnort Grefrath liegt - gilt den Ermittlern allerdings nun als dringend tatverdächtig. Noch am Donnerstag wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Wie die Polizei in Mönchengladbach mitteilte, wurde der Mann dem Haftrichter vorgeführt. Dieser ordnete Untersuchungshaft für den Verdächtigen an.

          Auch wenn es dafür keine offizielle Bestätigung gibt, stützt sich der dringende Tatverdacht gegen den Mann offenbar auch darauf, dass er den entscheidenden Hinweis auf Mircos Verbleib gab und der Leichnam des Jungen gefunden werden konnte.

          Mirco ein „spontanes Zufallsopfer“?

          Allem Anschein nach entspricht der mutmaßliche Täter genau jenem Profil, das Fallanalytiker schon zu Beginn der Ermittlungen gebildet hatten. Aufgrund der örtlichen Lage der Fundorte von Mircos Hose, T-Shirt und Handy waren sie sich sicher: Der Entführer hat einen klaren regionalen Bezug. „Er muss die Gegend genau kennen“, sagte Polizeisprecher Willy Theveßen dieser Zeitung Anfang Oktober. Auch schätzte die Polizei, Mirco könnte ein „spontanes Zufallsopfer“ eines sonst unauffällig und „normal“ lebenden Sexualstraftäters geworden sein.

          Diverse kriminologische Untersuchungen belegen, dass die meisten Sexualstraftäter nicht bewusst zu einer Tat aufbrechen, sondern vielmehr eine „günstige Gelegenheit“ ergreifen, wenn sie zumeist in der ihnen vertrauten Region an einem unbeobachteten Ort auf ein schwaches Opfer treffen. Ebenso scheint es nach dem bislang Bekannten bei Mirco gewesen zu sein. Mirco hatte am Abend des 3. September noch einen Freund, mit dem er zuvor auf einer Skater-Anlage gespielt hatte, nach Hause gebracht. Nachdem ihn seine Mutter auf dem Handy erreicht hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem Elternhaus, wo er nicht mehr ankam. Sein Fahrrad wurde dann kurz vor der Ortseinfahrt zu Grefrath gefunden. Es lag in einer Böschung an einer Ackereinfahrt.

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