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Kreditkarten : 89 Dollar für „Smart Privacy“

  • -Aktualisiert am

Rätselhafte Abbuchungen: Ein Unternehmer will nun seine Bank verklagen Bild: ddp

Ein Wiesbadener will die Commerzbank AG in den Vereinigten Staaten verklagen - mit seinen gestohlenen Kreditkartendaten wurde Kinderpornografie bezahlt.

          5 Min.

          Das Weihnachtsfest 2006 war das schönste seines Lebens, sagt Hans Weber. Noch neun Tage zuvor habe er befürchtet, ins Gefängnis zu müssen - und das wegen eines Missverständnisses. Am 15. Dezember 2006 stehen zwei Kriminalbeamte in seinem Büro in Wiesbaden, „es war wohl gegen halb elf“, erinnert sich der 67 Jahre alte Unternehmer.

          Einen Durchsuchungsbeschluss haben sie dabei, dem Weber (Name geändert) entnimmt, dass gegen ihn ein Ermittlungsverfahren läuft. „Wegen des Verdachts d. Verbreitens kinderpornografischer Schriften“, liest er auf dem am 11. Oktober von einem Richter des Amtsgerichts Wiesbaden unterschriebenen Papier. Die Beamten sind angewiesen, die Computer im Büro zu beschlagnahmen, außerdem sämtliche Speichermedien wie externe Festplatten und CD-ROMs. Webers private Wohnung, das Geschäft und das Auto sollen durchsucht werden.

          Seltsame Abbuchungen

          „Ich wusste nicht, wie mir geschah“, sagt Weber. „Mit Sauereien wie Kinderpornos hatte ich nie zu tun.“ Er benutze nicht einmal für die Arbeit Computer. Das überlässt er seinen Mitarbeiterinnen. Der Gedanke, die Rechner könnten mitgenommen werden, schockiert ihn. Er sieht sich kurz vor dem Bankrott: „In der Vorweihnachtszeit schreiben wir 300 Rechnungen am Tag, alle Kundendaten sind da gespeichert.“ Fieberhaft habe er überlegt, wie der Verdacht der Kriminalpolizei auf ihn gefallen sein könnte. Da seien ihm die eineinhalb Jahre zurückliegenden rätselhaften Dollar-Abbuchungen von seinem Konto bei der Commerzbank eingefallen, die damals laut Kontoauszug mit seiner Mastercard Gold getätigt worden waren. Weber ruft seine Kundenbetreuerin bei der Bank an. Die schickt ihm sofort per Fax Kontoauszüge, interne Informationspapiere über gestohlene Kreditkartendaten beim Commerzbank-Partner „CardSystem Solutions“ und Kopien der zahlreichen Reklamationen, die Weber vor eineinhalb Jahren an die Bank geschickt hatte, um die Abbuchungen zu stoppen.

          Daraufhin entschließen sich die Polizisten, die Durchsuchung abzubrechen. „Der Vorgang wird mit dem Vorschlag, das Ermittlungsverfahren einzustellen, an die Staatsanwaltschaft Wiesbaden abverfügt“, heißt es im Polizeivermerk vom 15. Dezember. Die Verdachtsmomente seien ausgeräumt worden. Inzwischen sind die Ermittlungen abgeschlossen. Noch immer aber ist Weber wütend über das Verhalten der Polizei und seiner Bank. Nur durch sein geistesgegenwärtiges Handeln, nämlich den Anruf bei der Bank, habe er verhindert, dass grundlos seine unternehmerische Existenz zerstört worden sei. Doch wie konnte es so weit kommen?

          Am 9. Mai 2005, so erzählt Weber, habe er zum ersten Mal seltsame Abbuchungen auf seiner Kreditkartenabrechnung entdeckt. Von einer Firma namens „CCBill.com“, so stand zu lesen, waren am 2. Mai 2005 15,58 Euro abgezogen worden. Die Summe entsprach 19,95 Dollar; wie Weber später erfährt, ist das genau der Preis für verschiedene kinderpornografische Bilder und Videos, die er und seine Frau Renate (Name geändert) bestellt haben sollen. Insgesamt neun Abbuchungen von Beträgen zwischen 7,84 Euro und 38,29 Euro sind für den Zeitraum vom 2. bis zum 9. Mai 2005 auf dem Auszug verzeichnet.

          Mysteriöse Zahlungen

          Der Unternehmer ruft die Commerzbank-Filiale in Wiesbaden an, weist auf die ihm unerklärlichen Zahlungen hin. „Reklamationsgrund 90“ ist auf der Aktennotiz der Bank vermerkt, „Karteninhaber kann Buchung nicht zuordnen; hat reklamierten Umsatz beim Vertragsunternehmen nicht getätigt“. Doch obwohl, wie eine Mitarbeiterin der Commerzbank notiert, Webers Mastercard am 13. Juni 2005 wegen „Internetmissbrauchs“ gesperrt wird, werden weiter Summen zwischen sieben und 90 Euro abgebucht. Am 14. Juni, als Weber wieder mehrere Abbuchungen reklamiert, vermerkt die zuständige Sachbearbeiterin: „Umsätze wurden vom Kunden nicht getätigt. Eine vorherige Reklamation liegt Ihnen schon vor. Kreditkarte wurde gesperrt.“ Tatsächlich tauchen die Daten der gesperrten Karte seitdem nicht mehr auf den Kontoauszügen auf.

          Dafür aber sind unter der Nummer der Mastercard von Renate Weber, mit der ebenfalls auf das Konto bei der Commerzbank Wiesbaden zugegriffen werden kann, vom 17. Mai 2005 an Abbuchungen aus Amerika, Spanien, Schweden und Zypern verzeichnet. Wieder legt Weber Beschwerde bei der Bank ein, wieder setzt eine Mitarbeiterin Stempel und Unterschrift unter die Reklamationsbegründung „Ich habe diesen Umsatz weder getätigt noch genehmigt (Karte muss gesperrt werden)“. Erst vom 12. August 2005 an bleiben die Fremdbelastungen des Kontos aus - insgesamt waren es in den drei Monaten etwa 180 Abbuchungen. Auf die Idee, frühzeitig Informationen über die auf dem Bankauszug genannten Firmen und ihre Branchen einzuholen, sei er nicht gekommen, sagt Weber, nicht einmal, als Abbuchungen in Höhe von 89 Dollar unter dem Namen „www.smart-privacy.com“ verzeichnet sind. „Ich selbst nutze das Internet doch gar nicht.“ Auch mit den Mitarbeiterinnen und mit seiner Tochter habe er darüber nicht gesprochen.

          Das Geld für die mysteriösen Zahlungen, mehr als 2500 Euro, erstattet die Commerzbank Weber von Anfang an und vollständig. „Ich wollte das Konto im Juli 2005 löschen lassen“, sagt der Unternehmer. Aber der Filialleiter habe ihm im persönlichen Gespräch davon abgeraten, „um abzuwarten, was sich weiterhin tut“. Noch heute existiere das Konto, allerdings mit anderer Nummer und ohne Zugriffe von Fremden. Weder Filialleiter noch Kundenbetreuerin wollen allerdings zu dem Fall Auskunft geben; sie verweisen auf das Bankgeheimnis und die Vertraulichkeit von Kundendaten.

          „Die haben mich 15 Monate schmoren lassen“

          Rätselhaft bleibt, wie die Daten von Webers Mastercard zur amerikanischen Firma „CardSystem Solutions“ gelangten, die für Mastercard und andere Anbieter Zahlungen abwickelt. „Ich war seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in den Vereinigten Staaten“, sagt Hans Weber. Auch habe er die Karte noch nie für Bestellungen im Internet genutzt; ausschließlich zum Tanken an deutschen Tankstellen habe er sie gebraucht. Die von August 2004 bis Mai 2005 bei „CardSystem Solutions“ ausspionierten Datensätze sollen aber nur dann auch die Karten deutscher Kunden betreffen, „falls mit diesen Karten im fraglichen Zeitraum in den USA Umsätze im Handel oder in Onlineshops getätigt wurden“. So steht es in dem internen Papier der Commerzbank, das im Juli 2005 die Mitarbeiter der deutschen Filialen über den Datendiebstahl in Amerika unterrichtete. Ein Mitarbeiter von Mastercard USA hatte schon im Mai 2005, als er in einer Werbe-Mail für eine Internetseite mit kinderpornografischem Material die Abbuchungsfirma „Smart Privacy“ entdeckte, die deutschen Partner benachrichtigt, die dann die Polizei informierten.

          Besonders wütend, sagt Weber, sei er darüber, dass er von seiner Bank nicht schon frühzeitig, also im Sommer 2005, vom Datenraub in Amerika unterrichtet worden sei. „Die haben mich 15 Monate schmoren lassen.“ Erst am 15. Dezember 2006, als die Kriminalbeamten in seinem Büro saßen, habe seine Kundenbetreuerin auf seine dringende Bitte hin das entsprechende Papier an ihn gefaxt. „Auch wenn bisher keine größeren Schadensfälle bekannt sind, raten wir allen Kreditkarteninhabern, ihre Kreditkartenabrechnungen - insbesondere ihre USD-Absätze - genau zu kontrollieren und ggf. zu reklamieren“, liest Weber aus der „CB-Info“ vor.

          Der Zorn des Wiesbadener Unternehmers lässt nicht nach. Gemeinsam mit seinem Anwalt Johannes Zindel von der Frankfurter Kanzlei Jones Day will er eine Sammelklage gegen die Commerzbank AG in den Vereinigten Staaten einreichen - dort seien die Daten schließlich bei einem Geschäftspartner der Bank gestohlen worden. Noch sucht Weber mittels Zeitungsanzeigen Bankkunden, die ähnliche Schwierigkeiten mit ihrer Mastercard hatten. „Die tun mir leid, bei denen ist die Hausdurchsuchung vielleicht anders abgelaufen als bei mir.“ Den Streitwert der Klage schätzt Zindel in einem Schreiben an die Commerzbank auf etwa 80 bis 100 Millionen Dollar. Sein Mandant sei auf vielfältige Weise geschädigt worden. Wer ihm so mitspiele, müsse mit derlei Konsequenzen eben rechnen, sagt Weber und fügt hinzu: „Ist die Kugel erst aus dem Lauf, hält sie selbst der Teufel nicht mehr auf.“

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