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Universitätsklinik Ulm : Krankenschwester soll Frühgeborenen Morphium verabreicht haben

Im Urin der Kinder konnten Rückstände von Morphium nachgewiesen werden. Bild: Picture-Alliance

Die Frühchen hatten zeitgleich an lebensbedrohlichen Atemproblemen gelitten, konnten aber gerettet werden. Proben wiesen das Morphium nach.

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          Die schreckliche Tat einer Pflegekraft geschah kurz vor Weihnachten: Auf einer Überwachungsstation für Frühgeborene der Universitätsklinik Ulm in Baden-Württemberg verabreichte eine Pflegerin in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2019 fünf zu früh geborenen Säuglingen in kurzen Zeitabständen das Betäubungsmittel Morphium, wahrscheinlich mittels einer Milchspritze. Da Atmung und Kreislauf dieser Kinder ständig überwacht wurden, Morphium die Atmung negativ beeinflusst, fiel der Vorfall auf den Überwachungsmonitoren offenbar sofort auf. Eine leitende Ärztin wurde alarmiert. Sie eilte sofort in die Klinik, drei von fünf Kindern mussten kurzfristig beatmet werden. Das Leben aller Säuglinge konnte gerettet, medizinische Spätfolgen nach Darstellung der Klinik zum Glück verhindert werden. Der Gesundheitszustand der Säuglinge soll sich innerhalb von 48 Stunden normalisiert haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Zunächst vermuteten die Mediziner hinter dem Vorfall eine Infektion. Weil die Ärzte den Vorfall als ungewöhnlich bewerteten, entschloss man sich, sehr umfangreiche Laboruntersuchungen einzuleiten, als diese am 17. Januar 2019 ergaben, dass den Kindern tatsächlich Morphium verabreicht worden war, setzte die Universitätsklinik sofort einen Krisenstab sowie eine Arbeitsgruppe zur Aufklärung ein. Zugleich erstatte die Klinik Strafanzeige wegen versuchten Totschlags und stellte insgesamt fünf Mitarbeiter vom Pflegedienst frei.

          Morphium-Präparate befinden sich regulär auf der Station, müssen aber nach den strengen Regeln des Betäubungsmittelgesetzes in einem Betäubungsmittelschrank gesondert aufbewahrt werden, offenbar besaß die mutmaßliche Täterin eine Berechtigung, mit Betäubungsmitteln umzugehen. Am 28. Januar durchsuchte die Staatsanwaltschaft dann die Räume des Pflegepersonals in der Universitätsklinik, an diesem Donnerstag wollen die Staatsanwälte nun über Details ihrer Ermittlungen berichten. Es wird auch damit gerechnet, dass der Haftrichter gegen die verdächtige Krankenschwester den Haftbefehl ausstellt.

          Der Leitende Ärztliche Direktor des Ulmer Universitätsklinikums, Udo Kaisers, entschuldigte sich für den Zwischenfall und äußerte großes Verständnis für die Sorgen der Eltern. Der Chef der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klaus-Michael Debatin, ist Mitglied der Leopoldina und gehört zu den renommiertesten Kinderkrebsforschern Deutschlands. Debatin und Kaisers wollen an diesem Donnerstag die Ergebnisse ihres klinikinternen Untersuchungsberichts vorstellen. Zur Verhinderung folgenreicher Behandlungsfehler gibt es auch an der Universitätsklinik Ulm ein System zur Meldung kritischer Vorfälle – „Critical Incident Reporting System (CIRS). Es soll nach Auskunft der Klinik in diesem Fall funktioniert haben.

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