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Kölner Polizei : Taschendiebe schrecken vor Gewalt nicht zurück

Taschendiebstähle sind in Köln wie in allen deutschen und westeuropäischen Großstädten ein großes Problem. Bild: dpa

Sie sind untereinander vernetzt, enthemmen sich mit Alkohol und sind oft gewalttätig. Kriminalhauptkommissar Günther Korn zeigt am Beispiel Kölns, was man gegen die „Antänzer“ tun kann.

          Es ist gar nicht leicht zu erkennen, wann genau der „Antänzer“ seinem Opfer die Geldbörse aus der Gesäßtasche zieht. Der Kölner Kriminalhauptkommissar Günther Korn startet die Videoaufnahme deshalb noch einmal: An der Kasse eines Schnellrestaurants steht ein Mann mittleren Alters. Während er auf sein Essen wartet, nähert sich ihm ein junger Mann von hinten, verwickelt ihn ins Gespräch, umfasst ihn dann scheinbar freundschaftlich. Dann beginnt das eigentliche „Antanzen“, der junge Dieb bringt sein Opfer mit seinem Bein gezielt aus dem Gleichgewicht.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Während das Opfer sich fängt, greift der „Antänzer“ zu. Kriminalhauptkommissar Korn ist der Leiter eines in Deutschland einmaligen Kommissariats. Seit August 2005 arbeiten unter seiner Führung insgesamt 40 Bundespolizisten, Kriminalbeamte und zivile Ermittler zusammen, um Taschendiebe auf frischer Tat zu stellen. Gemeinsam fertigen die Bundes- und Landesbeamten auch Lageanalysen an.

          Taschendiebstähle sind in Köln wie in allen deutschen und westeuropäischen Großstädten ein großes Problem. Am Freitag präsentiert das in diesen Tagen vielgescholtene Polizeipräsidium Köln die Arbeit von Korns Kommissariat sozusagen als positiven nachrichtlichen Gegenakzent. Um die Silvester-Exzesse soll es ausdrücklich nicht gehen.

          Aber auseinanderhalten lässt sich das nicht, denn es sind seit einiger Zeit vor allem junge Männer aus Nordafrika, die Kölns Taschendiebstahlstatistik wieder in die Höhe getrieben haben. In der Silvesternacht waren es nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten ebenfalls nordafrikanische und arabische Männergruppen, die Frauen vor dem Hauptbahnhof angriffen, beraubten und sexuell belästigten.

          „Ohne jede soziale Bindung“

          Wie groß das Kriminalitätsproblem vieler in jüngster Vergangenheit nach Köln gekommener junger Migranten aus Nordafrika ist, hat das Polizeipräsidium mit einem eigenen „Auswerte- und Analyseprojekt Nordafrikaner“ (Nafri) feststellen können. Nur 0,5 Prozent aller Syrer fielen durch Straftaten auf. Bei den jüngst eingereisten Einwanderern aus Marokko, Tunesien und Algerien waren es dagegen jeweils rund 40 Prozent.

          Wiederum 40 Prozent aller Taschendiebstähle werden laut der Kölner Statistik von jungen Nordafrikanern begangen. 90 Prozent der Täter sind allein nach Deutschland gekommen. „Es sind Männer im stärksten Alter“, sagt der Leitende Kriminaldirektor Norbert Wagner. „So fühlen sie sich jedenfalls. Sie sind ohne jede soziale Bindung, losgelassen und auf sich allein gestellt.“

          Korn kann sich nicht erinnern, in seinen bald 40 Jahren Dienstzeit einen Anstieg der Taschendiebstähle wie in den vergangenen zwei, drei Jahren erlebt zu haben. „2010 habe ich bei einer Dienstreise in London das erste Mal vom ,Antanz‘-Trick erfahren – da schwante mir schon nichts Gutes.“ Zuletzt ist es der Polizei gelungen, das Problem dank des intensiven Einsatzes von Korn und seinen 39 Kollegen wieder besser in den Griff zu bekommen. Wenn im März die neueste Kölner Kriminalitätsstatistik vorgelegt werde, könne man einen Rückgang der Taschendiebstähle melden, verrät Wagner. „Der Kölner Ansatz zahlt sich aus“, sagt er selbstbewusst.

          Die Täter sind gut vernetzt

          Oft sind die Taschendiebe schon seit vielen Jahren illegal in europäischen Städten wie Barcelona, Paris oder Hamburg, Die Täter sind dank ihrer Mobiltelefone gut vernetzt. Sorgen bereitet den Ermittlern die große Brutalität der Täter. „Wir haben es hier nicht mit friedlichen Tätern wie den früheren Taschendieben zu tun“, sagt Korn. Viele der jungen Männer hätten Totschläger oder beidseitig geschliffene Messer bei sich.

          Mehrfach sind Polizeibeamte schon von „Antänzern“ verletzt worden, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchten, sich gegen ihre Festnahme zu wehren. Korn zeigt einen zweiten Mitschnitt einer Überwachungskamera. Um die ganze Nacht über wach zu bleiben, nehmen viele der jungen Nordafrikaner Aufputschmittel. „Mit Alkohol enthemmen sie sich.“ Unnachgiebig verfolgen zwei „Antänzer“ ein junges Paar. Zuletzt berauben sie ihre Opfer mit roher Gewalt.

          Anmerkung der Redaktion

          In einer früheren Version dieses Textes stand, ...

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