https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/koeln-verkaeufer-nach-grossmarkt-schiesserei-verurteilt-14368279.html

Eskalierter SEK-Einsatz : Kaufmann in Prozess um Kölner Großmarkt-Schießerei verurteilt

  • Aktualisiert am

Eine Polizistin untersucht im Juni 2011 in Köln nach dem Schusswechsel Einschusslöcher. Ein Kaufmann war vom SEK gestellt worden, es kam zu einer Schießerei. Jetzt ist der Mann mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Bild: dpa

Vor fünf Jahren lieferte sich ein Kaufmann eine Schießerei mit einem Spezialeinsatzkommando, das ihn festnehmen sollte. Vor Gericht beteuert er jetzt, er habe an einen Überfall geglaubt.

          2 Min.

          Am Ende des Prozesses kann keiner mehr so genau sagen, wie oft man sich dieses Video vor Gericht angesehen hat. Dieses Video, aufgenommen von einer Überwachungskamera, die eine Szene wie aus einem Action-Film dokumentiert - allerdings aufgenommen am Kölner Großmarkt. Zu sehen ist, wie ein Mann in einen Sportwagen steigt. Als ein Spezialeinsatzkommando der Polizei heranstürmt, startet eine wilde Schießerei, bei der das SEK mehr als 100 Kugeln auf den Wagen feuert. Der Mann überlebt mit schweren Verletzungen.

          Es habe sich um ein „spektakuläres Ereignis“ gehandelt, sagt der Vorsitzende Richter Jörg Michael Bern. Seit April hat seine Kölner Kammer versucht, den komplizierten Fall aufzuarbeiten. Am Dienstag spricht Bern das Urteil: Ein Jahr auf Bewährung für den Mann in dem weißen Sportwagen - allerdings nicht wie ursprünglich angeklagt wegen seines Verhaltens bei der Schießerei. Von den ursprünglichen Vorwürfen bleiben am Ende Verstöße gegen das Waffenrecht und Bedrohung einer ehemaligen Angestellten am Tag zuvor.

          Um das zu verstehen, muss man kurz zurückblenden. Im Juni 2011 wird die Polizei von der Ehefrau des Kaufmannes auf den Plan gerufen, die ihn wegen häuslicher Gewalt anzeigt. Sie verweigert später die Aussage, ein Zeuge berichtet den Beamten aber, ihr Mann nehme Drogen, habe Wahnvorstellungen und Waffen. Die Beamten wollen ihn festnehmen und ziehen ein SEK aus Düsseldorf hinzu. Der Zugriff folgt am 19. Juni 2011, als der heute 56-Jährige aus seinem Büro kommt.

          Angeklagter streitet ab, geschossen zu haben

          An diesem Punkt beginnen die komplizierten Fragen des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Kaufmann in der Anklage nämlich vor, mit einem Schuss versucht zu haben, einen SEK-Beamten zu töten. Delikt: versuchter Totschlag. Die Polizei habe das Feuer erwidert. Der Kaufmann hingegen beteuert, er habe an einen Überfall geglaubt und zudem nicht wie angeklagt geschossen. Erst als er auf der kurzen Flucht die Waffe weggeworfen habe, habe sich ein Schuss gelöst.

          Das Gericht glaubt ihm am Ende nur in einem Punkt. Er habe wohl wirklich angenommen, in einer Notwehrlage zu sein und deshalb geschossen. Die Polizisten seien in „Freizeitkleidung“ aufgetreten und nicht als solche zu erkennen gewesen, sagt Richter Bern. An den Schuss aus dem Seitenfenster glaubt er dennoch - auch wenn er ihn dafür nicht verurteilt. Der Mann nimmt die Urteilsbegründung mit Rumoren zur Kenntnis. Seine Anwälte kündigen Revision an.

          Der Prozess hatte in Köln und Umgebung nicht nur wegen der spektakulären Schießerei, sondern auch wegen der Ermittlungen danach für einige Aufregung gesorgt. Auch in der Urteilsbegründung stellt das Gericht nun fest, dass zum Beispiel nur vier von acht Beamten danach überhaupt befragt worden seien. Zudem habe für die Beteiligten früh festgestanden, was eigentlich noch zu beweisen gewesen wäre, dass der Kaufmann auf Polizisten schoss. „Am Beginn eines Verfahrens steht überhaupt nichts fest“, zitiert Bern dazu eine juristische Weisheit. Das habe sich bewahrheitet.

          Topmeldungen

          Deutsche Panzer vom Typ Leopard IIA6 am 6. Mai während einer Übung auf dem Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide

          Ukraine-Liveblog : Heusgen schlägt Kampfpanzer-Konsortium für Kiew vor

          Medwedew bekräftigt Russlands Recht, sich mit Atomwaffen zu verteidigen +++ London rechnet für den 30. September mit Anschluss ukrainischer Gebiete an Russland +++ Merz beklagt „Sozialtourismus“ von Ukrainern nach Deutschland +++ alle Entwicklungen im Liveblog

          Aufruhr in Iran : Gewalt und Widerstand

          Der Tod von Mahsa Amini ist nur das jüngste Beispiel einer nicht abreißenden Kette staatlicher Unterdrückung und maßloser Polizeigewalt in Iran. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.