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Knox-Prozess : Ermittlungen gegen Richter: Nicht unparteilich?

Amanda Knox am 31. Januar in der amerikanischen Talkshow „Good Morning America“ Bild: REUTERS

„Emotional hart“ sei das Urteil gegen Amanda Knox gewesen, hatte Richter Alessandro Nencini in einem Interview gesagt. Nun leitet das Justizministerium eine Untersuchung gegen ihn ein - wegen Zweifeln an seiner Unparteilichkeit.

          Wegen der Äußerungen des Richters Alessandro Nencini über das Urteil im Mordprozess gegen Amanda Knox schaltet sich nun auch die italienische Justizministerin ein. Annamaria Cancellieri hat eine Voruntersuchung durch die Generalinspektion angeordnet, teilte das Justizministerium am Dienstag mit. Je nach Ergebnis dieser Voruntersuchung könnte danach ein Disziplinarverfahren gegen den Richter eingeleitet werden.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Richter Nencini hatte in einem Interview mit der Zeitung „Corriere della Sera“ unter anderem über die Urteilsverkündung und den Prozess gesprochen. „Ich fühle mich befreit, weil der Moment der Entscheidung der schwierigste ist“, sagte er in dem Interview, das am Samstag veröffentlicht wurde. „Ich habe auch Kinder, und Strafen gegen zwei junge Menschen zu verhängen ist emotional sehr hart.“ Der Mord an der Britin Meredith Kercher, für den die Amerikanerin Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito am Donnerstag verurteilt worden waren, sei „eine Sache unter Kids“ gewesen. Sollecitos Entscheidung, nicht auszusagen, habe „den Prozess sicherlich einer Stimme beraubt“.

          Juristen fordern Disziplinarverfahren gegen Nencini

          Diese Äußerungen Nencinis hatten in Italien hohe Wellen geschlagen. Dem Richter wurde vorgeworfen, Teile der ausstehenden schriftlichen Urteilsbegründung vorweggenommen zu haben und Sollecitos Strategie kommentiert zu haben. In einer Stellungnahme von Sollecitos Anwälten hieß es: „Es ist indiskutabel, dass der Richter öffentlich kommentiert hat, was während der Beratungen passiert ist.“ Die schriftliche Urteilsverkündung des Richters wird erst in drei Monaten erwartet.

          Mehrere Mitglieder des italienischen Obersten Gerichtsrates CSM, dem Selbstverwaltungsorgan der italienischen Richter und Staatsanwälte, forderten die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens gegen den Richter. „Zudem könnte Richter Nencini hier ein Verhalten an den Tag gelegt haben, das in einem bestürzendem Maß an seiner Unparteilichkeit zweifeln lässt“, zitierte die italienische Nachrichtenagentur Ansa aus dem Schreiben der CSM-Mitglieder.

          „Es tut mir leid, wenn meine Worte an dieser Stelle zu Missverständnissen geführt haben“, hatte Alessandro Nencini am Montag der Nachrichtenagentur Ansa gesagt.

          Das Urteil Nencinis beendete den vierten Prozess im Mordfall Meredith Kercher. 2007 war die Britin in Perugia umgebracht worden. Für die Tat wurde der Italiener Sollecito am Donnerstagabend in
          Florenz zu 25 Jahren Haft verurteilt. Die Amerikanerin Knox, die dem Prozess fern blieb, bekam 28 Jahre und sechs Monate. In einem vorangegangenen Verfahren waren beide bereits einmal freigesprochen worden. Knox reagierte auf das Urteil mit Bestürzung. „Ich werde bis zum Ende dagegen kämpfen“, sagte sie in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC.

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