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Kita-Mord in Viersen : Warum wurde sie nicht gestoppt?

  • -Aktualisiert am

Viersen: Städtische Kindertagesstätte als Tatort Bild: dpa

Im Viersener Fall des mutmaßlichen Mordes an einem Kita-Kind werden weitere bedrückende Details bekannt. Die verdächtige Erzieherin hätte nie mit Kindern arbeiten dürfen.

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          Familienminister Joachim Stamp (FDP) ringt am Donnerstagmorgen im nordrhein-westfälischen Landtag um Fassung. „Etwas Unvorstellbares ist geschehen, es ist wohl das Grauenhafteste, was einer Familie passieren kann.“ Seit dem 19. Mai sitzt die 25 Jahre alte Erzieherin Sandra M. in Untersuchungshaft, weil sie in dringendem Verdacht steht, Ende April in der Kita „Steinkreis“ in Viersen die kleine Greta mit voller Absicht so schwer verletzt zu haben, dass das Kind einen Atemstillstand und schwere Hirnschädigungen erlitt. Am 4. Mai, einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag, starb Greta. Nicht nur die Tat müsse „lückenlos und transparent“ aufgeklärt werden, sagt Stamp. Aufgearbeitet werden müssten auch Defizite beim Erkennen von Kindeswohlgefährdungen. „Hier hat es erkennbar Versagen gegeben.“

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Erschütternd ist schon die Vorgeschichte, die Lorenz Bahr, der Leiter des Landesjugendamts Rheinland, dem Landtag schildert. Bahrs Bericht macht deutlich: Greta könnte noch leben, Sandra M. hätte gestoppt werden können, wenn die beteiligten Stellen und Behörden ihre immer alarmierenderen Informationen über M. gemeldet und ausgetauscht hätten. Denn in allen drei Einrichtungen, in denen die Frau von 2017 bis zu ihrer Anstellung in Viersen in rascher Folge arbeitete, war es zu schweren, zum Glück aber nicht tödlichen Vorfällen gekommen. Allein in einer Kita in Kempen, wo die Erzieherin von August 2018 bis Juli 2019 tätig war, musste viermal ein Notarzt herbeieilen, weil immer dasselbe Kind einen Atemstillstand erlitt. Eigentlich müssen Kitas gravierende Vorfälle an das Landesjugendamt melden. Doch das unterblieb nach bisherigen Erkenntnissen in Kempen, weil beim ersten Einsatz eine Lungenentzündung bei dem Jungen festgestellt worden war und nichts an dem Kind auf Fremdeinwirkung hindeutete – wie dann zunächst auch bei Greta. Die Ermittler vermuten, dass die Frau sich Kenntnisse angeeignet hatte, um keine Spuren zu hinterlassen.

          Ein vernichtendes Zeugnis für Sandra M.

          Auch die Kita in Tönisvorst, in der M. seit September 2019 arbeitete und in der dann im Oktober ein ebenfalls drei Jahre altes Mädchen mit Atemstillstand vom Notarzt in die Klinik gebracht werden musste, schaltete das Amt nicht ein – weil das Mädchen an einem Herzfehler litt. Es müsse nun geprüft werden, ob die Kitas, in denen M. arbeitete, ihre Meldepflichten verletzt hätten, sagt Bahr. Hätten die Informationen seinem Amt vorgelegen, hätte es eine Chance gegeben, Zusammenhänge zu erkennen. „Die regionale Häufung wäre uns als Landesjugendamt wahrscheinlich aufgefallen.“ Deshalb werde das Amt den Kitas klarmachen, dass künftig Notarzteinsätze unter allen Umständen zu melden sind.

          Ringt um Fassung: Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP)
          Ringt um Fassung: Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP) : Bild: dpa

          Rätselhaft bleibt, wieso Sandra M. überhaupt als Erzieherin arbeiten durfte. Nach ihrem praktischen Anerkennungsjahr in Krefeld, wo es bereits zu mehreren, allerdings nicht mit ihr in Zusammenhang gebrachten medizinischen Notfällen gekommen war, bekam die junge Frau ein vernichtendes Zeugnis. Ihre Ausbilderinnen sprachen ihr rundheraus die Befähigung ab, mit Kindern umzugehen. Ihr gelinge es nicht, eine empathische Beziehung aufzubauen. Sie sei „wenig geeignet“ für ihren Beruf. Der Einrichtung sei „schnell klargeworden“, dass M. „nicht alleine mit Kindern sein kann“, trägt Bahr im Landtag vor. Das örtliche Jungendamt riet sogar ausdrücklich davon ab, die junge Frau zum abschließenden Kolloquium zuzulassen. Das geschah dann trotzdem, und M. erhielt die Bescheinigung, als „staatlich anerkannte Erzieherin“ arbeiten zu dürfen. Bis zum Frühjahr 2020 bekam Sandra M. mit dieser Bescheinigung in kürzester Zeit bei insgesamt vier Kita-Trägern eine Stelle, zuletzt in Geldern. Nach Zeugnissen scheint nie jemand gefragt zu haben.

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