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Kindesmisshandlung : Die Verbiegungen des Schlangenmädchens

Die beiden Angeklagten im Landgericht von Mainz Bild: dpa

Der Prozess um das Schlangenmädchen von Ingelheim hat begonnen. Die angehende Artistin war von ihrer Ausbilderin mehrfach gefesselt und mit auf den Rücken gebundenen Beinen an einen Haken gehängt worden. Die Angeklagte war angeblich enttäuscht von dem Kind.

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          Gerhard H. hält es für erwähnenswert, dass Ganshulun Batoktokh offenbar die Räder lockerte, mit denen sich der Sattel seines Trimm-Dich-Fahrrads in der Höhe verstellen lässt. „Der nächste, der sich dort draufgesetzt hätte, hätte sich wahrscheinlich nicht schwer verletzt. Aber er hätte einen gehörigen Schreck bekommen.“ Die Sache mit dem Fahrrad zählt er wie Kratzer im Parkettfußboden, Kratzer an der Scheibe oder einen Riss in der Tapete zu den Dingen, die den Konflikt mit Ganshulun erst heraufbeschworen. Er war enttäuscht von ihr. Menschlich entäuscht, denn Ganshulun trübte mit ihrem Verhalten das Schlangenmädchen-Idyll von Mainz-Ingelheim, das Gerhard H. mit seiner Frau Tungalag H.-L. aufgebaut hatte.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Viel größer musste nach seinem Empfinden für seine Frau die Enttäuschung gewesen sein. Schließlich, so informiert er am Dienstag zu Prozessbeginn das Gericht, ist seine Frau die einzige Frau der Welt, die acht oder neun verschiedene einarmige Handstände beherrscht. „Ich kann nicht mal einen normalen Handstand.“ Das umfangreiche Wissen und technische Können wollte seine Frau als Trainerin an Ganshulun weitergeben. Doch das Mädchen schickte sich nicht. Es gab Widerworte und blieb auch in den Trainingsleistungen hinter den Erwartungen zurück.

          Dreimal soll das Mädchen gefesselt und dann geprügelt worden sein

          Was Gerhard H. als langsame Eskalation aus der Enttäuschung heraus sieht, betrachtet die Staatsanwaltschaft als gefährliche Körperverletzung von Schutzbefohlenen: Sie wirft dem Ehepaar vor, das vierzehnjährige Mädchen in siebzehn Fällen von April bis Juli 2007 mit Bambusstöcken geschlagen, getreten oder mit den Spitzen der Stöcke in Kopf und Rücken gestochen zu haben. Dreimal soll das Mädchen gefesselt und dann geprügelt worden sein. An Armen, Beinen, Rücken und Gesäß stellte der Gerichtsmediziner großflächige Hämatome fest, Schürfwunden am Kopf und hinter den Ohren.

          Im November 2006 hatten ihre Eltern Ganshulun aus der Mongolei zur ihrer Verwandten, der Angeklagten Tungalag H.-L., nach Mainz-Ingelheim geschickt, wo sie die Artistengruppe „Kontorsion-Mongolia“ betreibt. Sie sollte aus ihr ein Schlangenmädchen machen, nachdem Ganshulun die Aufnahme in einen Zirkus in der Mongolei nicht geschafft hatte. Die mongolischen Verbiegekünstler werden in ihrer Heimat gefeiert wie Popstars in Europa. Das Geld, das Ganshulun verdienen sollte, hätte das Mädchen in die Mongolei schicken sollen. Doch die Karriere scheiterte. Sie habe beim Training keine Disziplin gezeigt, sei arrogant gewesen und habe sich nicht mit den anderen Artistinnen verstanden, berichtet H. Zwei von ihnen, unter ihnen auch eine leibliche Tante des Opfers, werden in separaten Verfahren ebenfalls beschuldigt, sich an den Misshandlungen beteiligt zu haben.

          Im auberginefarbenen Anzug auf der Anklagebank

          Gerhard H. kann sich nicht erklären, wie es soweit kommen konnte. Als Verwaltungsbeamter bei der Kreisverwaltung Mainz-Ingelheim bearbeitet der Vierundvierzigjährige das Sachgebiet „rechtswidrige Abfallentsorgung“, wenn er nicht gerade für seine Arbeit als stellvertretender Personalratsvorstand freigestellt ist. Im auberginenfarbenen Anzug sitzt er gerade auf der Anklagebank, die Hände gefaltet und die grauen Haare ebenso gestutzt wie den Schnäuzer.

          Schon als Kind begeisterte ihn die Artistenwelt. Er ging zu jeder Zirkusveranstaltung in Mainz und Umgebung. Während er bei der Kreisverwaltung den Aufstieg vom mittleren in den gehobenen Dienst vorantrieb, schrieb er in seiner Freizeit Artikel für Zirkusfachzeitschriften. 1994 interviewte er seine heutige Frau in Wiesbaden, die dort im Zirkus auftrat. „Es war Liebe auf den ersten Blick, meine große und einzige Liebe.“ Vier Jahre später heirateten die beiden, 2003 kauften sie ein Haus. Tungalag H.-L. gründete mit ihrer Schwester die „Kontorsion-Mongolia“, ihre fünf Artistinnen treten bei Firmenfesten, Weihnachtsfeiern und Galashows auf. BMW, Tchibo, die Telekom – die Kunden sind namhaft, die Einnahmen gut, im Durchschnitt etwa 100.000 Euro im Jahr. Die Artistinnen wohnen im Haus des Ehepaars H. Es sei wie eine große Familie gewesen, sagt Gerhard H. Zu Ostern gab es Schokoladenhasen für alle.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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