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Weitere Opfer im Fall Münster : Wie eine Kriminalistin das Passwort von Adrian V. knackte

  • -Aktualisiert am

Tatort: eine Gartenlaube in Münster. Bild: dpa

Die Zahl der Verdächtigen im Missbrauchsfall von Münster hat sich auf 18 erhöht. Zudem wurden drei weitere Jungen identifiziert, die vergewaltigt wurden. Zu dem mutmaßlichen Haupttäter gibt es eine Reihe neuer Informationen.

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          Ermittlungen gegen Pädokriminelle verlaufen meist in mehreren Wellen. Denn sie sind pathologische Jäger und Sammler, die Foto- und Filmaufnahmen über Plattformen und Internetchats teilen. Dort verabreden sie sich auch, sich in der realen Welt gegenseitig ihre Opfer zuzuführen. Ist es den Ermittlern erst einmal gelungen, bei einem Verdächtigen beschlagnahmte Handys, Computerfestplatten oder USB-Sticks zu entschlüsseln, geht es im Schneeballsystem rasch voran – so wie im Fall des im Mai von Ermittlern aus Münster aufgedeckten überregional aktiven Pädokriminellen-Netzes.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Hier hat sich die Zahl der Verdächtigen von bisher elf auf 18 erhöht; sieben von ihnen sitzen in Haft. Zudem gelang es der zwischenzeitlich auf 76 Kriminalbeamte aufgestockten Ermittlungskommission „Rose“ neben den schon bekannten drei Opfern durch zwei Anzeigen und die Auswertung sichergestellter Foto- und Videodateien, drei weitere Jungen zu identifizieren, die von Mitgliedern des Netzes gequält und vergewaltigt wurden.

          Die Ermittler rechnen damit, sowohl weitere Täter als auch Opfer ausfindig zu machen, da in dem Fall 400 Terabyte Daten sichergestellt wurden. „Das sind keine Datenberge, das sind Gebirge aus Daten, das entspricht einem Schriftsatz von 2,6 Milliarden DIN-A4-Seiten“, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch während einer Unterrichtung des Landtags. Der Fall Münster macht abermals deutlich, wie erschreckend dynamisch sich das Pädokriminellen-Milieu im Zeitalter der Digitalisierung weiterentwickelt hat.

          Adrian V. war selbständiger EDV-Unternehmer

          Als Haupttäter gilt der 27 Jahre alte Adrian V. aus Münster, der schon zweimal wegen des Besitzes kinderpornographischer Schriften zu jeweils zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war. Auch zu ihm gibt es nun eine Reihe neuer Informationen. Anhand der bisher ausgewerteten Dateien wirft ihm die Staatsanwaltschaft Münster im Kern aktuell 15 Fälle schweren Missbrauchs vor. Opfer soll jeweils sein zehn Jahre alter Stiefsohn gewesen sein, den Adrian V. nach bisherigen Erkenntnissen zudem unter anderen an Pädokriminelle aus Brandenburg und Hannover gegen Bezahlung weitergegeben hat. Aus einer gelöschten, aber rekonstruierten Aufzeichnung geht hervor, wie V. mit drei weiteren Männern Ende April seinen Stiefsohn und ein zweites Kind über Stunden hinweg quälte und vergewaltigte. Tatort war eine von Carina V., der Mutter von V., gepachtete Gartenlaube. Sie soll vom Tun ihres Sohns gewusst haben und zählt deshalb zu den Beschuldigten, die in Untersuchungshaft sitzen.

          Adrian V. war als selbständiger EDV-Unternehmer tätig. Sein Fachwissen machte er sich nach Erkenntnissen der Ermittler auch für sein schwerkriminelles Treiben ausgiebig zunutze. Die Ermittlungen kamen auch deshalb zunächst nur schleppend voran. Als Polizisten im Mai 2019 die Wohnung von V. durchsuchten, konnten sie zwar zahlreiche Datenträger sicherstellen, doch diese waren verschlüsselt.

          Erst im November gelang es Fachleuten, ein Mobiltelefon und einen Tablet-Computer zu entsperren. Noch einmal gut ein halbes Jahr verging, bis sich Ermittler Zugriff auf die Festplatte eines Laptops verschaffen konnten, die V. mit der Software Bit-Locker verschlüsselt hatte. Als selbst Spezialisten des Landeskriminalamts Düsseldorf kapituliert hatten, versuchte es eine besonders fleißige Kriminalistin immer und immer wieder mit Abwandlungen von Passwörtern, die V. auf seinen anderen Geräten genutzt hatte. Am 12. Mai gab die Beamtin das richtige Passwort ein – und aus dem bisher unlesbaren Datensalat wurden Bilder und Filme, auf denen V. zu sehen ist, wie er seinen zehn Jahre alten Stiefsohn missbraucht.

          Erhebliche kriminelle Energie

          Adrian V. ging nach Erkenntnissen von Polizei und Staatsanwaltschaft auch technisch mit großer Ausdauer und erheblicher krimineller Energie vor. Um die Missbrauchstaten in der Gartenlaube seiner Mutter aufzeichnen zu können, hatte V. dort eine aufwendige IT-Anlage installiert. Im Kellerraum seiner Tante betrieb V. einen komplett eingerichteten und klimatisierten Serverraum mit enormem Speichervolumen. „Ob der verschlüsselte Server für die Verbreitung von Kinderpornographie im Darknet genutzt wurde, ist noch ungeklärt“, heißt es in einem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft Münster.

          In dem Keller der Tante fand sich zudem ein Computer zur Generierung einer Kryptowährung. Den dafür notwendigen Strom hatte Adrian V. bei einem Nachbarn abgezapft – und das, obwohl V. schon Ende 2019 wegen „Entziehung elektrischer Energie“ zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war, weil er im Keller seiner Lebensgefährtin bereits 2016 und 2017 einen Generator für digitale Zahlungsmittel mit dem Strom Dritter betrieben hatte.

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