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Kindesmissbrauch in Staufen : Warum nur hat man ihr vertraut?

Die Staatsanwältinnen halten Berrin T. für eine aktive Mittäterin. Bild: dpa

Im Missbrauchsprozess in Staufen geht es um entsetzliche Taten – und die Frage, warum eine Mutter sie nicht nur zulässt, sondern sich sogar selbst daran beteiligt.

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          Diese Anklageschrift ist eine Materialsammlung widerlichster Obszönitäten. Sie enthält auf hundert Seiten Schilderungen von Missbrauchshandlungen und sexuellen Handlungen mit Kindern. 58 unerträgliche Tatbeschreibungen haben die Freiburger Staatsanwältinnen Nikola Novak und Sabrina Haberstroh im Fall der Organisatoren des pädokriminellen Netzwerks aus dem südbadischen Staufen zusammengetragen. Über fast drei Jahre missbrauchten die heute 48 Jahre alte Michaela Berrin T. und der 39 Jahre alte Christian L. immer wieder und wahrscheinlich nahezu täglich Kinder. Zunächst war ein drei Jahre altes, leicht behindertes Mädchen das Opfer – Tochter einer Freundin der Angeklagten. Dann war der eigene Junge der verwahrlost wirkenden, mit der Erziehung überforderten Mutter über Jahre das malträtierte Opfer. Am Anfang war der Junge sieben Jahre alt, am Ende des Martyriums war er neun. Heute wird er in einer qualifizierten Pflegefamilie betreut, und das Jugendamt im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald hat zugesagt, alle therapeutischen und medizinischen Hilfen auszuschöpfen, um dem Kind noch ein normales Leben zu ermöglichen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Papa“ nannte er seinen Stiefvater und Peiniger. Über seine Mutter sagte der Junge einmal: „Meine Mutter hatte damit nichts zu tun, die macht mir was Gutes zum Essen, sie weiß Bescheid, aber das ist die Wahrheit.“ Das große Vertrauen, das Kinder ihren Eltern und auch Stiefeltern meistens schenken, ist auch in diesem Fall für die Täter ein verlässlicher Schutzschirm. Der Wahrheit will sich das Gericht an insgesamt zehn Verhandlungstagen nähern – im Juli soll das Urteil fallen. Zwei pädokriminelle Freier sind schon zu acht beziehungsweise zehn Jahren Haft verurteilt worden. Die Tatvorwürfe in der Anklage lauten: schwere Zwangsprostitution, schwere Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie, Missbrauch von Schutzbefohlenen.

          Geplante „Missbrauchswohngemeinschaft“

          Die Täter videographierten fast jede Missbrauchshandlung. Insofern ist die Beweislage erdrückend. Eine wichtige Frage in der Hauptverhandlung ist es, ob das Gericht für beide Täter nach Verbüßung der Haft die anschließende Sicherungsverwahrung anordnen wird. Schon jetzt ist gewiss, dass die Verbrechen grausamer und schrecklicher waren, als sich das die meisten Menschen vorstellen können: Christian L. und Berrin T. schlugen den Jungen, zwangen ihn zum Sex mit insgesamt sechs pädokriminellen Freiern. Sie filmten die unzähligen Misshandlungen, beschimpften ihn als „Papas kleine Hure“, quälten ihn weiter, auch wenn er vor Schmerzen wimmerte und vor lauter Ekel Widerstand leistete. Und im sogenannten Darknet verbreiteten sie obszöne Nacktfotos des Kindes, um weitere „Freier“ anzulocken.

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