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Entführung nach Italien : Alles Liebe, wo immer du auch bist

  • -Aktualisiert am

Bei der Kontaktaufnahme im Internet nannte er sich „Karlchen“: Bernhard H. im Gerichtssaal im Landgericht (links); daneben Maria, heute 19 (Gesicht gepixelt). Bild: dpa

Ein Mädchen, 13 Jahre alt, verschwindet – und taucht sechs Jahre später wieder auf. Der Mann, der Maria H. mit nach Italien nahm, wurde verhaftet. Jetzt geht der Prozess gegen H. wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs zu Ende.

          Sie haben einander im Internet kennengelernt, sich getroffen. Irgendwann übernachten sie zusammen. Er hofft auf ein Kind. Sie kauft sich einen Test, weil sie Angst hat, schwanger zu sein; da ist sie zwölf. Kurz darauf fliehen sie zusammen. Bernhard und Maria. Jetzt steht er vor Gericht, sie sitzt ihm gegenüber, zusammen mit einer Anwältin – als Nebenklägerin in einem Strafprozess, der ihn für lange Zeit ins Gefängnis bringen dürfte.

          „Der soll sein Gesicht zeigen.“ Es ist der 8. Mai, die Seniorin im Zuschauerraum ist aufgebracht. Fotografen umringen den Angeklagten, von dem man fast nichts sieht. Eine sehr weite hellblaue Jogginghose, alte Schuhe, eine dunkle Kapuze über dem Kopf. Sein Gesicht verbirgt Bernhard H. hinter einem Aktenordner. Er wird fotografiert und gefilmt. Dann ist es dem Vorsitzenden Richter Arne Wiemann zu viel, die Kamera-Teams und Fotografen müssen den Saal im Freiburger Landgericht verlassen. Bernhard H. muss sich hier in den nächsten Wochen für das verantworten, was er seine „große Liebe“ nennt: seine Beziehung zu Maria H. Die Staatsanwältin Nikola Novak spricht von Kindesentziehung, vor allem aber von sexuellem Missbrauch einer Minderjährigen. Für die Zeit nach einer möglichen Haftstrafe fordert die Staatsanwältin Sicherungsverwahrung. Bernhard H. soll nicht wieder freikommen.

          Das Landgericht hat eine weiße, mächtige Fassade aus dem 18. Jahrhundert. Aber das Gebäude hinter der Fassade stammt aus den 1960er Jahren, Erhabenheit trifft hier auf Verwaltungsdesign; ein Mann, der von Liebe spricht, trifft auf drei Richter und zwei Schöffinnen, die entscheiden müssen, was der Rechtsstaat mit so einer Geschichte machen muss.

          „Karlchen“ tut so, als sei er 14

          Im April vor acht Jahren wurde aus Bernhard H., einem Informationselektroniker aus Nordrhein-Westfalen, „Karlchen“. So nannte er sich in Online-Foren. Den Richtern erzählt er, er habe einfach jemanden zum Reden gesucht, saß tagelang am PC; die Ehe mit seiner Frau war „nie die Ehe, die es hätte sein sollen“. H. behauptet: „Ich habe nicht daran gedacht, im Internet einen Partner zu finden.“ „Karlchen“ tut so, als sei er 14. Er schreibt junge Mädchen an, mindestens einmal auch eine erwachsene Frau, mit der sich aber keine Beziehung entwickelt. Manchmal nennt H. sich auch „Lisa“. Wie jeder auf der Lauer versteckt er sich hinter einer Tarnung. Die Anklage ist davon überzeugt, dass H. wusste, wie jung Maria war. Im Chat schreiben sie später davon, dass sie warten müssen, bis Maria 16 ist. Sie warten nicht.

          Marias Fall ist auch deshalb dramatisch, weil vieles hätte verhindert werden können. Nach den ersten Treffen fliegen H. und Maria auf, weil H.s Frau, die sich später von ihm scheiden lässt, ihren Mann anzeigt. Die Polizei hält eine Gefährderansprache, Marias alleinerziehende Mutter Monika B. erfährt von dem Kontakt, hält die Sache aber bald für erledigt. Nicht aber Bernhard H. Über eine Freundin von Maria schickt er ihr ein Handy, mit dem sie in Kontakt bleiben können. Irgendwann schicken sie sich Nacktbilder hin und her. Bis Maria verschwindet, hat ihre Mutter keinen Verdacht. „Ich war so naiv“, sagt sie vor Gericht.

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