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Kinderkriminalität in Berlin : Das Ende der Geduld?

Die verstorbene Jugendrichterin Heisig im Gespräch mit Müttern von Migrantenkindern Bild: dpa

Kinder, die in Berlin im Auftrag der Drogenmafia mit Heroin dealen, sind für die Polizei kaum zu greifen. Jetzt wird über geschlossene Heime diskutiert, wie sie die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig forderte. Fachleute sehen im Wegschließen jedoch kein Allheilmittel.

          Er war zwölf Jahre alt, ein libanesischer Junge. Er war in Berlin-Kreuzberg unterwegs, hatte größere Mengen Heroin bei sich und wurde an einem Julinachmittag von der Polizei gestellt. Anschließend lieferten die Ermittler ihn bei den Betreuern seines Wohnheims ab. Die Jugendrichterin Kirsten Heisig äußerte sich alarmiert und forderte mehr geschlossene Heime. Das war 2009.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Jahr später sorgt ein Elfjähriger in der Hauptstadt täglich für Schlagzeilen, weil er mit Drogen dealt. Weil er sich noch keine drei Monate in Berlin aufhält und schon elfmal von der Polizei geschnappt wurde. Weil er mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht wurde, dann aber spurlos verschwand. Kaum übergibt ihn die Polizei seinen Betreuern, wird der Asylbewerber wieder auf den U-Bahnhöfen der Stadt gesichtet. Längst geht man davon aus, dass er im Auftrag der organisierten Kriminalität unterwegs ist. Vermutlich ist der Junge auch älter, als er offiziell behauptet. Schließlich kommen in Deutschland erst Vierzehnjährige vor Gericht; Boulevard-Fotos des Nachwuchsdealers zeigen einen groß gewachsenen, sehnigen Kurzhaarigen. Aber solange jemand keine Papiere hat, fällt der Gegenbeweis schwer.

          Kirsten Heisigs Thesen prägen die Gesellschaft

          Deutschlands bekannteste Jugendrichterin unterdessen ist tot. Kirsten Heisig hat sich vor knapp vier Wochen das Leben genommen, aus ungeklärten, offenbar privaten Motiven. Ihre Thesen jedoch prägen die Aufregung über dealende Kinder umso nachdrücklicher. Plötzlich diskutiert die Stadt über geschlossene Heime. Anfang dieser Woche erschien Heisigs Buch, „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ (Herder-Verlag). Noch am Tag vor ihrem Verschwinden telefonierte die Achtundvierzigjährige die letzten Korrekturen durch. Als „Der Spiegel“ vergangene Woche Auszüge druckte, titelte er: „Das Vermächtnis“.

          In den schon bekannten Passagen geht es um kriminelle arabische Clans in Neukölln. Die Drogenmafia benutze für ihre Geschäfte strafunmündige Kinder, die sie gezielt aus palästinensischen Flüchtlingslagern einschleuse, schrieb die Richterin. Der Elfjährige, der womöglich gar keine elf mehr ist, wird da zum Prototyp. Als führe sein Fall die Unfähigkeit und Ohnmacht der Behörden vor, die Heisig anprangert. Den Triumph der Hintermänner mag man sich gar nicht ausmalen.

          Kinder begreifen das Leben in Deutschland als Chance

          Einzelfälle, halten Fachleute aus der Flüchtlingsarbeit dagegen. Natürlich kennt man minderjährige arabische Dealer genauso wie vietnamesische Zigarettenhändler oder rumänische Klaukinder. „Das kommt vor, das will ich gar nicht bestreiten“, sagt Thomas Berthold, Referent vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge. Auch die wiederkehrenden Geschichten von gezielter Anwerbung entsprächen durchaus der Realität. „Aber eigentlich erleben wir meist das Gegenteil“, sagt Berthold: Das Gros der Flüchtlingskinder begreife Deutschland als Chance ihres Lebens.

          Die Zahlen der Polizei sind niedrig. Mit bisher neun Kinderdealern im Jahr 2010 verzeichnen die Berliner Ermittler einen leichten Anstieg. Höchstens die Hälfte der Kinder sind Flüchtlinge: Von insgesamt 17 Festgenommenen seit Anfang 2009 besaßen immerhin sieben die deutsche Staatsangehörigkeit. Den Drogenfahndern des Bundeskriminalamts sind keine vergleichbaren Fälle aus anderen Städten bekannt.

          Die meisten Clans stammen aus dem libanesischen Raum

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