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Kinderheime : Im Jugendamt sitzt der Peiniger von einst

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Lehnte die Zahnbürste falsch im Becher, gab es Schläge. Unser Bild zeigt den Waschraum eines Kinderheims bei Stuttgart aus dem Jahr 1963. Bild: privat

Wer in der DDR im Kinderheim lebte, leidet oft noch heute. Erst jetzt haben einige den Mut, über die Zeit des Schreckens zu reden. Claus Peter Müller über eine Konferenz des Schreckens in Erfurt.

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          Eine Frau, die gern über ihre Kindheit in DDR-Heimen berichtet hätte, konnte nicht kommen. Wegen der Erlebnisse im Heim scheut sie die Enge in Bahnen und Bussen. Und weil den meisten Heimkindern in der DDR der Zugang zu guter Bildung verwehrt blieb, weil sie daher nie Aussicht auf beruflichen Erfolg hatten, reicht ihr Einkommen auch nicht für ein Auto. Sie blieb zu Hause.

          Aber was hätte sie gesagt? Die Scham schnürt ein, die Sprache stockt, die Erinnerung versagt. Auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR sind die Heimkinder des Sozialismus meist stumme Opfer ihrer Geschichte. Nicht einmal mit Freunden oder Verwandten sprechen sie. Nur zögernd finden sie Worte. Wenige wagen sich mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit, ermuntert durch die Berichte westdeutscher Heimkinder und sexuell missbrauchter Internatsschüler.

          Hätte der Frau überhaupt jemand geglaubt?

          Weil ihnen der Blick zurück so schwer fällt, hilft nun die Politik. Die Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen und die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur kamen diese Woche mit Opfern der SED-Volksbildung zum Kongress über „DDR-Kinderheime und ihre Folgen für die Kinder und Jugendlichen“ in Erfurt zusammen. Die Thüringer Landesbeauftragte, Hildigund Neubert (CDU), Sozialministerin Heike Taubert (SPD) und die Bundesstiftung Aufarbeitung waren die Gastgeber im Thüringer Landtag. Dass der Kongress erst jetzt stattfand, ist auch eine Folge der Heimerziehung. Die Erzieher brachen die Menschen. Das schützt nun jene, die Täter waren. Zudem sind Akten schwer aufzufinden, Aufbewahrungsfristen abgelaufen, Dokumente im Reißwolf zerfetzt, Straftaten verjährt. Hätte der Frau, die zu Hause bleiben musste, überhaupt jemand geglaubt?

          Erst einmal geht es nicht um die Entschädigung der Opfer, sondern um die Aufarbeitung ihrer Geschichte. Manfred May, Mitarbeiter der Beratungsinitiative der Thüringer Landesbeauftragten, hat ein Ohr für die Opfer. Er ist bildender Künstler, lebte bei Leipzig und kam Anfang 1989 nach Suhl, wo er unter den Stasi-Besetzern war, ein Dokumentationszentrum aufbaute und Haftgeschichten aufzeichnete. Die Zöglinge von einst, so seine Erfahrung, finden sich in der freien Welt bisweilen noch schlechter zurecht als in der sozialistischen. May hat Klienten im Gefängnis, die, wie ein Mann sagte, der 1990 aus dem Heim in eine veränderte Welt entlassen worden war, „nur DDR können“. In einigen Fällen, sagt May, haben Gerichte erst jüngst den Zusammenhang zwischen Heimerziehung, Gewalterfahrung und krimineller Karriere hergestellt.

          Flight, Fight, Freeze

          Etwa zwei Drittel der Opfer, die May berät, beziehen eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit. Die Erfahrungen der Kindheit und Jugend haben sie traumatisiert. Silke Birgitta Gahleitner, Sachverständige am Runden Tisch Heimerziehung, sagt, ein Trauma rühre aus einem Diskrepanzerlebnis her, in dem eine Bedrohung und die Möglichkeit, sie zu bewältigen, weit auseinander klaffen. Der Mensch versuche zunächst, einer solchen Situation zu entfliehen. Gelinge das nicht, kämpfe er. Sei ihm auch das verwehrt, gefriere er. Auf englisch lautet die Alliteration des Schreckens: Flight, Fight, Freeze.

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