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Die „Killer von Brabant“ : Das war doch wohl niemand von uns?

Gesucht: Mit diesen Phantombildern suchte die belgische Polizei nach den unbekannten Tätern. Bild: Picture-Alliance

Seit mehr als 30 Jahren wird spekuliert, wer hinter einer brutalen Raubserie in Belgien steckte. Jetzt gibt es neue Hinweise auf einen der Täter.

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          Es ist eines der dunkelsten Kapitel der belgischen Kriminalgeschichte, das nach wie vor der Aufklärung harrt. 28 Menschen wurden zwischen September 1982 und November 1985 im Kugelhagel bei Überfällen auf mehrere Supermärkte, ein Restaurant, einen Waffenhandel und ein Juweliergeschäft getötet. Zugeschrieben werden die Taten allesamt einer Gruppe, die in Flandern und Wallonien verschiedene Bezeichnungen hat. Im französischen Landesteil wird sie als „Killer von Brabant“, im niederländischsprachigen als „Bande von Nivelles“ bezeichnet – benannt nach einer südlich von Brüssel gelegenen wallonischen Kleinstadt, in der im September 1983 bei einem Überfall auf eine Filiale einer Supermarktkette drei Menschen erschossen wurden.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          An Spekulationen über die Identität der Mörder hat es seit Jahrzehnten nicht gemangelt. Dafür sorgte schon frühzeitig die methodische und kaltblütig anmutende Vorgehensweise mit schweren Waffen modernster Bauart. Vermutet wurde, dass die Täter Verbindungen zur der in den siebziger Jahren zur Terrorismusbekämpfung eingerichteten Sondereinheit „Gruppe Diane“ der Gendarmerie unterhalten haben könnten, die später in der einheitlichen belgischen Polizei aufging.

          Auch über eine rechtsextreme Ausrichtung und Versuche der Bande, den belgischen Staat durch brutale Verbrechen zu destabilisieren, ist viel diskutiert worden. Gemutmaßt wurde ferner, dass sich, da die Verbrechen beiderseits der Sprachgrenze verübt wurden, flämische und wallonische Ermittler gegenseitig mutwillig die Arbeit und damit die Aufklärung der Taten erschwert haben könnten.

          Im kommenden Monat wäre die Verjährungsfrist abgelaufen

          Tatsache ist, dass bis zum heutigen Tag niemand wegen der Verbrechen vor Gericht gestellt worden ist. Im kommenden Monat wäre die Verjährungsfrist abgelaufen, hätte nicht das Parlament sie unlängst um weitere zehn Jahre verlängert. Schon seit Monaten ist den Strafverfolgungsbehörden bekannt, was seit wenigen Tagen auch fast jeder Bewohner Belgiens zu wissen glaubt: Es gibt eine echte Spur und einen 2015 im Alter von 61 Jahren verstorbenen Verdächtigen, der in manchen Zeitungen unter den Initialen C.B., in anderen sogar unter vollem Namen firmiert.

          Im Bewusstsein von Flamen und Wallonen haben sich dieser Tage vor allem zwei Bilder eines Mannes festgesetzt, die auf den Frontseiten aller Zeitungen prangen und eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen. Sowohl das kurz nach den Verbrechen entstandene Phantombild „Nummer 19“ eines der mutmaßlichen Täter und ein etwa aus der gleichen Zeit stammendes Foto von C.B. zeigen einen zum Teil vermummten Mann mit großem eckigen Brillengestell, Bart und dunkler Mütze. Das Foto, auf dem C.B. mit Mütze samt weißem Totenkopfsymbol zu sehen ist, war wohl zur Karnevalszeit entstanden. C.B., der einige Jahre zuvor wegen eines versehentlich abgegebenen Schusses aus der Spezialeinheit „Gruppe Diane“ entlassen worden war, arbeitete damals für die Polizei im 25 Kilometer westlich von Brüssel gelegenen Aalst – einer Hochburg des belgischen Karnevals.

          Tatort 1985: Supermarkt im belgischen Braine-l’Alleud

          Seit dem Wochenende schien sich für viele Belgier die Vermutung zur Gewissheit verdichtet zu haben, dass es sich bei C.B. um den bei Überfällen offenbar als Anführer der Bande aufgetretenen „Riesen“ handeln müsse. Der belgische Justizminister Koen Geens, der mit den Ermittlungen vertraut ist, aber öffentlich zu Zurückhaltung verpflichtet, dämpfte bei einer Anhörung im zuständigen Parlamentsausschuss die Erwartungen. Der christlich-demokratische Politiker sprach von einer „auf jeden Fall interessanten Spur“, sagte dann aber relativierend: „Wie stets werden einige daran glauben, andere nicht. Man sollte keine überzogenen Erwartungen haben, aber jedes Steinchen für das Gesamtgebäude ist natürlich willkommen.“ Dass die flämische Zeitung „De Standaard“ am Mittwoch neben den Bildern, die C.B. zeigen sollen, auch ein Foto eines weiteren Mannes veröffentlichte, der ebenfalls eine große rechteckige Brille trägt, schien freilich wieder die Zweifler zu bestärken. Das Foto zeigt Michel Libert, der in den achtziger Jahren Mitglied der rechtsextremen paramilitärischen Organisation „Westland New Post“ war. Neben der damals keineswegs unüblichen typischen Form der Brille verbindet ihn mit C.B., dass er ebenfalls gut 1,90 Meter groß ist. Liberts Name wurde immer wieder im Zusammenhang mit den Greueltaten der Killerbande gebracht – allerdings zu Unrecht, wie zuständige Ermittler im Herbst 2014 befanden.

          Stutzig machen muss auch der Hinweis von Justizminister Geens, dass die auf C.B. weisende Spur seit Februar verfolgt wird, aber acht Monate später offenbar keineswegs Gewissheit herrscht, dass er einer der Mittäter oder gar der Anführer der „Killer von Brabant“ war. Geens berichtete jetzt, dass ein an C.B. im Jahr 2000 vorgenommener Speicheltest keine belastenden Erkenntnisse geliefert habe. Andererseits verdichteten sich Hinweise, dass er zu den Zeitpunkten mehrerer Überfälle nicht im Dienst gewesen sei. Zudem wollen Zeugen damals beobachtet haben, dass der „Riese“ bei Überfällen auf Supermärkte in den Brüsseler Vororten Overijse und Braine-l’Alleud, bei denen insgesamt 13 Menschen erschossen wurden, gehinkt habe – wie damals auch C.B.

          Erst am vergangenen Wochenende wurde durch Zeitungsberichte bekannt, C.B. habe 2015 auf dem Sterbebett seinem Bruder anvertraut, dass er Mitglied der Bande gewesen sei. Gemeldet hatte der Justiz diese Darstellung zunächst ein Bekannter des Bruders von C.B. Vater und Schwester jenes Bekannten waren im November 1985 unter den acht Todesopfern des letzten Überfalls der Bande auf einen Supermarkt in Aalst.

          „Es ist der Zeitpunkt gekommen zu sprechen“

          Schon Ende 1998, als in der Region an vielen Stellen die Phantombilder gezeigt wurden, hatte ein junger Mann der Polizei den Namen C.B. genannt. Nach einem Bericht der Zeitung „De Morgen“ soll die inzwischen mit den Ermittlungen befasste Dienststelle CWB im wallonischen Charleroi den Hinweis als „nicht relevant“ eingestuft haben. Der Großvater des jungen Mannes, dessen Eltern und Schwester bei dem Überfall in Aalst umgekommen waren, hatte der Polizei zudem berichtet, dass er damals am Ort des Geschehens beobachtet habe, wie ein offenbar zur Sicherung parkendes Gendarmeriefahrzeug (damals an vielen Supermärkten üblich) wenige Minuten vor dem tödlichen Schüssen das Gelände verlassen habe. Dem Mann hatte sich schon damals der Verdacht aufgedrängt, dass dies kein Zufall gewesen sei. „De Morgen“ zitierte den Großvater jetzt mit einer angeblichen Äußerung eines wallonischen Ermittlers in Charleroi: „Der lachte uns aus. Das einzige, was er sagen konnte, ist, dass ich Gespenster sehe.“

          Wie die Zeitung weiter berichtet, soll es in Charleroi auch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Leitern der damals rund 100 Mitarbeiter umfassenden Sondereinheit – einem Wallonen und einem auf weiterreichende Nachforschungen bestehenden Flamen – gekommen sein. Zuletzt zählte die Sondereinheit nur noch fünf Mitarbeiter. Justizminister Geens kündigte nun Verstärkung an. Nach Angaben des Lütticher Generalstaatsanwalts Christian De Valkeneer sollen 13 neue Stellen entstehen. Eindringlich appellierte er an Zeugen, die über bisher verschwiegene Kenntnisse verfügen könnten, sich zu äußern: „Es ist der Zeitpunkt gekommen zu sprechen.“

          Geäußert hat sich jetzt, im Interview mit der Zeitung „Het Laatste Nieuws“, auch der heute 84 Jahre alte Arsène Pint. Er hatte einst die zur Terrorismusbekämpfung dienende Gendarmieeinheit „Gruppe Diane“ mit aufgebaut, der C.B. zeitweilig angehört hatte. Die bei dem Überfall im November 1985 in Aalst von der Bande gewählten Methoden – Vorgehen in Dreiergruppen mit Vorhut und Heckenschützen – hätten ihn an manches erinnert, was in der Sondereinheit trainiert worden sei. Schon damals, so Pint, habe ihn ein ungutes Gefühl beschlichen, das er jetzt mit den Worten umschrieb: „Verdammt nochmal, das werden doch keine von uns gewesen sein?“

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