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Vorfall in Berliner U-Bahnhof : Warum die Polizei das Fußtritt-Video zurückgehalten hat

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Der Moment der Attacke, aufgenommen von einer Überwachungskamera am U-Bahnhof Hermannstraße Bild: dpa

Nach dem Angriff in der Berliner U-Bahn sind die Ermittler zuversichtlich, den Täter zu fassen. Empört wird sich im Internet darüber, dass das Video von dem Vorfall so lange zurückgehalten wurde. Dafür hatte die Polizei aber gute Gründe.

          Die Videoaufnahmen von der brutalen Attacke auf eine junge Frau an einem U-Bahnhof empören die Berliner. Eine Belohnung von 2000 Euro hat der ehemalige Kickboxer und Sicherheits-Fachmann Michael Kuhr demjenigen zugesichert, der den Namen und die Adresse des Angreifers verrät. Auch der Schauspieler Jan Josef Liefers, als Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne regelmäßig im Münsteraner „Tatort“ zu sehen, meldete sich zu Wort: „Berlinerinnen und Berliner! Erkennt jemand diese feigen Idioten?“, fragt er auf Facebook.

          Der Überfall auf die junge Frau hatte sich am 27. Oktober am U-Bahnhof Hermannstraße im Berliner Stadtteil Neukölln ereignet. Weiterhin ist die Identität des Täters nicht geklärt. Am Montag konnte nun einer seiner drei Begleiter ermittelt werden. Das gelang durch einen Hinweis aus der Bevölkerung, nachdem die Berliner Polizei in der vergangenen Woche Aufzeichnungen einer Überwachungskamera von der Attacke veröffentlicht hatte. Der Mann wurde am Montag und am Dienstag vernommen und sollte noch am Dienstagabend entlassen werden. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft gab sich zuversichtlich, was einen baldigen Fahndungserfolg anbelangt, wollte sich aber nicht näher zum Stand der Ermittlungen äußern.

          Die Zurückhaltung hat nichts mit Geheimniskrämerei zu tun

          Entsetzen haben die Aufnahmen unter den Berlinern wegen ihrer Brutalität und der Emotionslosigkeit hervorgerufen, mit der der Täter die 26 Jahre alte Frau angegriffen hatte. Zu sehen ist, wie sich der Täter zunächst seinem Opfer unbemerkt von hinten auf den Stufen nähert, die zu den Gleisen an der Haltestelle Hermannstraße führen. Nachdem er an seiner Zigarette gezogen hat, tritt er der jungen Frau unvermittelt in den Rücken, so dass sie unvorbereitet und kopfüber zwei bis drei Meter tief stürzt. Zu sehen ist auch, wie der Mann noch einen Augenblick triumphierend auf das Opfer herabblickt und dabei kühl den Zigarettenrauch ausatmet, ehe er mit seinen drei Freunden das Weite sucht. Mit einem gebrochenen Arm musste die Frau ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

          In sozialen Netzwerken wurde viel Unverständnis geäußert, warum das Video erst Wochen nach dem Vorfall veröffentlicht wurde. Gerade bei schweren Verbrechen erwartet die Öffentlichkeit, unmittelbar informiert zu werden. Wenn nach einer Tat Wochen vergehen, ehe die Ermittlungsbehörden berichten, zieht das Unmut nach sich.

          Das Einschalten von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen ist im Grundsatz bei schweren Straftaten zwar rechtlich zulässig, die Zurückhaltung hat aber nichts mit unzulässiger Geheimniskrämerei zu tun. Im Gegenteil: Polizei und Staatsanwaltschaft müssen stets versuchen, mit anderen Methoden weiterzukommen, bevor sie die Öffentlichkeit um Hilfe bei der Fahndung nach einem Täter bitten. Vor allem muss das Opfer – wenn möglich – befragt werden. Wenn es noch weitere Zeugen gibt, muss die Polizei diese erst vernehmen, um Erkenntnisse über den Täter zu gewinnen.

          Es ist nicht unüblich, dass Privatpersonen Geld ausloben

          Hintergrund ist, dass die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten, also des Opfers und des mutmaßlichen Täters, gegen das Interesse an der Aufklärung der Tat abgewogen werden müssen. Sogar Personen, die tatsächlich eine Tat begangen haben, dürfen nicht grundlos bloßgestellt werden. Auch sie müssen vor unnötiger Rufschädigung vor der Verurteilung geschützt werden. Bei Veröffentlichungen zu Fahndungszwecken kommt erschwerend hinzu, dass bei Übergabe der Bilder an eine Zeitung noch gar nicht klar ist, ob nicht vielleicht in Wahrheit jemand anders schuldig ist. Fotos sind erfahrungsgemäß nur scheinbar stichfeste Beweise. So kann sich herausstellen, dass durch verzerrte Optik ein falscher Eindruck entsteht. Und nicht zuletzt ist auch das Recht des Opfers auf Privatsphäre zu berücksichtigen. Andererseits ist die Veröffentlichung von Fotos des mutmaßlichen Täters in der Regel ein sehr effizientes Mittel zur schnellen Straftataufklärung, was sich auch in diese Fall zeigt; bis Montagnachmittag waren zehn Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen.

          Die Ermittler informieren die Öffentlichkeit durch eine Pressemitteilung. In manchen Fällen wird auch eine Belohnung für sachdienliche Hinweise ausgelobt – entweder von staatlicher Seite oder, wie im Berliner Fall, von Privatpersonen. Es ist nicht unüblich, dass Privatpersonen dafür Geld zur Verfügung stellen. Grund ist in der Regel ein Interesse an schneller Aufklärung und Verhütung ähnlicher Straftaten, beispielsweise einer Person, die Kinder hat, die an derselben Haltestelle aussteigen. Die Zeitung „Bild“, die das Foto vorab veröffentlichte, hatte allerdings nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft eine andere Quelle.

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