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Kanada : Die Füße im Wasser

  • -Aktualisiert am

Der Fraser River in Vancouver: Hier wurde 2007 ein Fuß eines Achtundzwanzigjährigen entdeckt Bild: ASSOCIATED PRESS

Seit vier Jahren stellen angeschwemmte Gliedmaßen in Sportschuhen die Polizei in Kanada vor ein Rätsel. Der erste Fund erregte hauptsächlich Ekel - mittlerweile wurden elf abgetrennte Füße in der Nähe von Vancouver gefunden.

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          Auch der Obduktionsbericht konnte die Bewohner der kanadischen Küstenregion vor Vancouver nicht beruhigen. „Der Fuß stammt von einem Menschen, aber wir konnten keine Gewalteinwirkung feststellen. Wir stehen vor einem Rätsel“, sagte der Gerichtsmediziner Stephen Fonseca nach dem Fund des elften abgetrennten Fußes an den Ufern der Salish Sea. Ein Spaziergänger hatte die Knochen in der vergangenen Woche im seichten Wasser des False Creek entdeckt, der sich durch Vancouver schlängelt. Wie die anderen zehn Füße, die seit dem Jahr 2007 in dem Meeresgebiet zwischen Vancouver Island und dem amerikanischen Bundesstaat Washington angeschwemmt wurden, steckte auch „Foot 11“ in einem Sportschuh.

          Während Fonseca gemeinsam mit dem Vancouver Police Department und der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) damit begann, über den Hersteller der weiß-blauen Laufschuhe der Marke Bum Crosby etwas über ihren bislang unbekannten Träger in Erfahrung zu bringen, haben in Kanada jetzt wie erwartet neue Spekulationen über das „Rätsel der abgetrennten Füße“ eingesetzt. „Es sind eben keine normalen Funde. Sie sind in der Geschichte Vancouvers bis heute einmalig“, sagte Jana McGuinness, eine Sprecherin der Polizei.

          Der sechste Fuß war anders

          Als ein Mädchen während der Sommerferien im August 2007 am Strand von Jedediah Island vor Vancouver den ersten Fuß fand, erregten die Knochen in einem Adidas-Schuh der Größe 44 vor allem Ekel. Wie die Obduktion zeigte, hatte sich der Männerfuß wahrscheinlich nach längerer Zeit im Wasser vom Bein gelöst. Nur Tage später entdeckten zwei Kanadier wenige Kilometer entfernt auf Gabriola Island aber einen weiteren Fuß. Auch er steckte in einem Sportschuh und schien sich ohne Gewalt vom Körper getrennt zu haben. In den nächsten zehn Monaten tauchten drei weitere Füße an den Küsten vor Vancouver auf. Dass sie jeweils in Sportschuhen steckten und meist Socken trugen, regte die Phantasie der Kanadier an. Während viele Vermutungen über einen Serienmörder mit Schuh-Fetischismus anstellten oder über einen Totengräber mit bizarren Vorlieben spekulierten, suchten Justizbehörden und Wissenschaftler nach weniger beunruhigenden Erklärungen. Da die Knochen weder abgehackt noch abgesägt wirkten, schlossen das Police Department und die RCMP ein Verbrechen vorerst aus.

          Forensiker und Ozeanologen überlegten, ob die Meeresströmung eventuell Füße der Opfer des Tsunamis an die nordamerikanische Küste gespült habe, der zum Ende des Jahres 2004 Südostasien heimgesucht hatte. Selbst das Phänomen, dass bis zum Sommer 2008 ausschließlich rechte Füße in Sportschuhen auftauchten, ließ sich anfangs erklären. Die meisten Menschen seien Rechtshänder und schnürten den rechten Schuh enger als den linken. Daher konnten die rechten Exemplare dem Wasser sowie Krebsen und anderen Tieren angeblich länger standhalten.

          Anders war aber der sechste Fuß, den eine Urlauberin Anfang August 2008 etwa 15 Kilometer südlich der kanadischen Grenze am Strand bei Pysht im amerikanischen Bundesstaat Washington entdeckte. „Die Knochen ragten fast zehn Zentimeter aus dem Laufschuh heraus“, berichtete sie. Zudem habe der Fuß ausgesehen, als sei er „ganz glatt abgeschnitten“ worden. Der aufkeimenden Panik begegneten die Behörden damals mit dem Hinweis, dass viele Suizidgefährdete die Brücken an der Salish Sea aufsuchten.

          „Hier gibt es einfach zu viele Zufälle“

          Wie DNA-Analysen zeigten, stammte ein im Jahr 2007 am Fraser River entdeckter Fuß tatsächlich von einem Achtundzwanzigjährigen, der mehrfach gedroht hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Auch einen zweiten Fuß konnten der Gerichtsmediziner Fonseca und seine Kollegen später einem Psychiatriepatienten aus White Rock in British Columbia zuordnen, der vor seinem Verschwinden im Januar 2008 unter einer Brücke des Fraser River gesehen worden war. Die in den Jahren 2008, 2009 und 2010 im kanadischen Richmond, dem amerikanischen Whidbey Island und an der Küste Tacomas entdeckten rechten und linken Füße lassen sich dagegen bis heute nicht erklären.

          Mit den vor einigen Tagen am False Creek entdeckten Überresten bleiben daher neun abgetrennte Füße zwischen Vancouver Island und der Küste von Washington ein Rätsel. „Hier gibt es einfach zu viele Zufälle“, sagt der Forensiker und ehemalige Polizist Mark Mendelson aus Toronto. „Trägt wirklich jeder Sportschuhe, der sich von einer Brücke stürzt? Bis jemand einen Beweis aus der Pathologie vorlegt, dass die Füße sich ohne Fremdeinwirkung von den Körpern gelöst haben, muss man von einem krummen Ding ausgehen.“

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