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Heimlich Kondom abgestreift : Kammergericht Berlin bestätigt Strafbarkeit des „Stealthings“

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Kein Kavaliersdelikt: Das heimliche Abstreifen eines Kondoms ist nach Ansicht des Berliner Kammergerichts strafbar. (Symbolbild) Bild: dpa

Beim einvernehmlichen Geschlechtsverkehr streift ein Mann heimlich das Kondom ab. Ist das strafbar? Das Kammergericht Berlin kommt zu dem Schluss: ja.

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          Das Kammergericht in Berlin hat die Verurteilung eines Mannes wegen eines sexuellen Übergriffs bestätigt, der während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom abgestreift und in seiner Sexualpartnerin ejakuliert hatte. Dadurch habe der Mann eine sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen der Frau vorgenommen, teilte das Gericht in einer Pressemitteilung mit (Az.: 4 - 58/20). Demnach handelt es sich um die erste obergerichtliche Entscheidung zum sogenannten „Stealthing“. 

          Im konkreten Fall war es bei einem Treffen eines heute 38 Jahre alten Bundespolizisten im November 2017 mit einer damals 20 Jahre alten Polizeimeisteranwärterin zunächst zu einvernehmlichen sexuellen Handlungen gekommen. Weil die Frau deutlich zum Ausdruck gebracht habe, dass sie keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben wolle, soll der Mann zunächst ein Kondom übergezogen haben. Bei einem Stellungswechsel soll er dies jedoch heimlich abgestreift und daraufhin in ihre Vagina ejakuliert haben. 

          Ein Schöffengericht am Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Bundespolizisten ein Jahr später wegen sexuellen Übergriffs zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten sowie zu einer Schmerzensgeld- und Schadensersatzzahlung in Höhe von knapp 3100 Euro. Der Angeklagte ging daraufhin zunächst nur gegen die Rechtsfolgen in Berufung, woraufhin die Bewährungsstrafe vom Landgericht Berlin auf sechs Monate reduziert wurde. Gegen dieses Urteil legte er jedoch beim Kammergericht Revision ein: Sein in erster Instanz festgestelltes Verhalten sei überhaupt nicht strafbar. 

          Die Richter am Kammergericht bestätigten jedoch die Entscheidung des Amtsgerichts. Der Paragraph 177 des Strafgesetzbuches sichere, dass ein Sexualpartner „nicht nur darüber entscheiden [kann], ob überhaupt Geschlechtsverkehr stattfinden soll, sondern auch darüber, unter welchen Voraussetzungen er mit einer sexuellen Handlung einverstanden ist“. Das Kondom sei darüber hinaus nicht nur zum Schutz vor ungewollten Schwangerschaften und Krankheiten von Bedeutung, sondern auch auf der Ebene des sexuellen Selbstbestimmungsrechts. Durch das heimliche Abstreifen des Kondoms sei die Frau von ihrem Sexualpartner auch „bewusst zu einem bloßen Objekt fremdbestimmten sexuellen Tuns herabgesetzt und für dessen persönliche sexuelle Befriedigung benutzt worden“. In diesem Fall habe das „Stealthing“ auch eine Demütigung- und Instrumentalisierungsdimension.

          Aus Sicht der Richter lägen im konkreten Fall sogar die Voraussetzungen für einen Schuldspruch wegen Vergewaltigung vor. Rechtlich käme eine Schuldspruchänderung in einem solchen Revisionsverfahren jedoch nicht in Betracht. Im Einzelfall könne man in künftigen Fällen eine Verurteilung wegen Vergewaltigung aber nicht ausschließen. Allerdings weisen die Richter auch darauf hin, dass mit der vorliegenden Entscheidung noch nicht geklärt ist, wie „Stealthing“ zu beurteilen sei, wenn es nicht zu einer Ejakulation kommt. 

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