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Kalinka-Prozess : „Er war ein Schürzenjäger, intelligent und charmant“

Kalinka starb 1982 unter ungeklärten Umständen Bild: dpa

Im Prozess um den Tod der damals vierzehn Jahre alten Kalinka hat erstmals die Mutter des Mädchens ausgesagt. „Wenn er schuldig ist, muss er dafür zahlen“, sagte die 66-Jährige über Dieter K., mit dem sie zum Tatzeitpunkt verheiratet war.

          Fast drei Jahrzehnte hat Danielle Gonnin geschwiegen. Jetzt sagt sie im Prozess gegen den deutschen Arzt Dieter K., ihren geschiedenen Ehemann, vor dem Schwurgericht in Paris erstmals aus. „Lange hätte ich meinen Kopf darauf gewettet, dass er unschuldig ist. Doch jetzt will ich die Wahrheit wissen“, sagt die 66 Jahre alte Frau. 1982 hatte sie ihre 14 Jahre alte Tochter Kalinka an einem Sommermorgen in der Villa Dieter K.s am Bodensee tot in ihrem Bett gefunden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der leibliche Vater Kalinkas, Danielle Gonnins erster Mann André Bamberski, hegte sofort Verdacht, der deutsche Stiefvater könne sich an dem Mädchen vergangen haben. Bamberski ließ mehrere Jahrzehnte lang nichts unversucht, damit Dieter K. sich im Fall Kalinka vor Gericht verantworten muss. Die deutsche Justiz stellte alle Ermittlungen mangels Beweisen ein. Bamberski steht im Verdacht, die Entführung des deutschen Arztes nach Frankreich organisiert zu haben.

          Jetzt steht Dieter K. vor Gericht, ein gebrochener 75 Jahre alter Mann, der sich auf eine Krücke stützen muss und von seinem nachlassenden Gedächtnis berichtet. „Es weckt Mitleid, ihn so zu sehen. Aber ich will die Wahrheit darüber hören, was damals passiert ist“, sagte Kalinkas Mutter. Danielle Gonnin lernte Dieter K. in Marokko lernen, bei einem Elternabend. „Er verliebte sich Hals über Kopf in mich und ließ mich nicht mehr in Ruhe“, sagte Kalinkas Mutter vor Gericht.

          Daniele Gonnin: „Jetzt will ich die Wahrheit wissen”

          Ihr damaliger Mann, André Bamberski, stellte K. zur Rede. Um seine Ehe zu retten, beschloss er, mit seiner Familie nach Toulouse zurückzukehren. Doch Dieter K. folgte seiner Geliebten in den französischen Südwesten. „Monsieur Bamberski“, so bezeichnet Danielle Gonnin ihren ersten Mann vor Gericht, sei empört gewesen. „Er hasste die Deutschen seit dem Krieg. Dass ein Deutscher mich verführte, hat die Dinge nicht verbessert“, sagte Kalinkas Mutter.

          Sie folgte K. nach Lindau, 1977 heiraten die beiden. Sie bekam auch das Sorgerecht für ihre beiden Kinder, Kalinka und Nicolas. Er sei ein Schürzenjäger gewesen, intelligent und charmant, und habe in den Tag hineingelebt, erinnerte sich Danielle Gonnin. Er habe sie mit Geschenken überhäuft und ihre Kinder genauso gut behandelt wie seine eigenen. Nach dem Tod Kalinkas habe sie sich nicht vorstellen können, dass er es war, der ihr Leid zugefügt habe. Doch habe Dieter K. sich als untreuer Ehemann erwiesen, der sie ständig betrog. Er habe ein Verhältnis mit einer französischen Freundin gehabt; später soll er eine Liebesbeziehung mit einer Sechzehnjährigen eingegangen sein. „Irgendwann reichte es“, sagte sie. 1984 kehrte Frau Gonnin nach Frankreich zurück und reichte die Scheidung ein.

          Sie erfuhr mit Entsetzen, dass ihr ehemaliger Mann 1997 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass er Frauen vergewaltigt“, sagte Kalinkas Mutter. Aber nach allem, was sie gelesen habe, seien ihr auch zum Schicksal Kalinkas Zweifel gekommen. „Wenn er schuldig ist, muss er dafür zahlen“, sagte Danielle Gonnin. Dieter K. hatte zuvor vor Gericht seine Unschuld beteuert. „Ich habe Kalinka weder vergewaltigt noch getötet“, hatte der deutsche Arzt gesagt. Am Freitag begann die Verhandlung mit Verspätung, weil sich Dieter K. auf dem Weg zum Gerichtssaal am Knie verletzt hatte. Seine Anwälte hatten vergeblich versucht, ihren Mandaten aus gesundheitlichen Gründen für verhandlungsunfähig erklären zu lassen. Der Prozess soll bis zum 8. April dauern.

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