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Kalinka-Prozess : Aus Deutschland entführt, in Frankreich verurteilt

Kalinka war im Juli 1982 tot in ihrem Bett gefunden worden Bild: AFP

Das Urteil im Kalinka-Prozess beendete am vergangenen Samstag einen jahrzehntelangen Justizkrimi. Dieter K. muss für 15 Jahre ins Gefängnis - all seinem Flehen zum Trotz.

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          Mit einer Haftstrafe von 15 Jahren für den 76 Jahre alten Arzt Dieter K. ist am Samstagabend in Paris ein jahrzehntelanger deutsch-französischer Justizkrimi zu Ende gegangen. Von dem flehentlichen Schlusswort des Angeklagten am letzten Prozesstag hatten sich die neun Schöffen und drei Berufsrichter des Schwurgerichts nicht überzeugen lassen. „Ich schwöre dem Gericht und Frau Gonnin, dass ich Kalinka niemals etwas angetan habe“, sagte Dieter K. mit bebender Stimme. Das Auswärtige Amt in Berlin hält sich bedeckt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Kalinka war 14 Jahre alt, als sie im Juli 1982 in der Villa Dieter Ks. am Bodensee tot aufgefunden wurde. K. lebte damals mit der Französin Danielle Gonnin, der Mutter Kalinkas, zusammen. K. hatte dem Mädchen am Abend ein Eisenpräparat und - so förderte es der Prozess zutage - noch ein weiteres Präparat gespritzt, angeblich weil sie schneller braun werden wollte. Am nächsten Morgen lag Kalinka tot auf ihrem Bett, vermutlich an Erbrochenem erstickt. Alle Wiederbelebungsversuche ihres deutschen Stiefvaters sollten sich als aussichtslos erweisen. Kalinkas leiblicher Vater, André Bamberski, hegte sofort den Verdacht, K. könne sich an dem Mädchen vergangen und ihm eine tödliche Spritze versetzt haben, damit es ihn nicht belasten könne.

          „Abhanden“ gekommene Beweise

          Bamberski begann einen jahrzehntelangen Kampf mit der deutschen Justiz. Der Leichnam des jungen Mädchens war bei der verspäteten Obduktion schon so verwest, dass das Ergebnis kaum noch aussagekräftig war. Zudem wurde unterlassen, die Genitalien auf eventuelle Spermaspuren zu untersuchen. Schlimmer noch, die getrennt konservierten Genitalien kamen auf mysteriöse Weise „abhanden“. Die deutsche Justiz stellte das Verfahren gegen K., der ein angesehener Facharzt in Lindau war, kurze Zeit später wegen Mangels an Beweisen ein. Bamberski wollte sich damit nicht zufrieden geben. Er strengte ein Verfahren in Frankreich an, denn schließlich war seine Tochter französische Staatsbürgerin gewesen. 1995 wurde K. von einem Strafgericht in Paris in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt.

          Doch das Urteil wurde nie vollstreckt. 2001 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass der Prozess in Abwesenheit des Angeklagten und ohne anwaltliche Verteidigung rechtswidrig gewesen sei. Gerügt wurde vom Straßburger Gerichtshof vor allem, dass der Anwalt des Deutschen bei dem Prozess in Paris nicht gehört wurde und der Verurteilte keine Möglichkeit hatte, Berufung einzulegen. Das war nach der französischen Strafprozessordnung ausgeschlossen, wenn sich Angeklagte nicht selbst dem Gericht stellen. Das Land muss dem deutschen Arzt eine Entschädigung in Höhe von damals rund 30.000 Mark zahlen. Frankreich habe gegen das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren verstoßen.

          Eine Gerichtszeichnung des 74-jährigen Arztes Dieter K. bei einer im März dieses Jahres stattgefundenen Verhandlung um den mytseriosen Tod von Kalinka Bamberski

          Die deutsche Justiz hatte sich ohnehin geweigert, K. nach Frankreich zu überstellen. Es gelte der Rechtsgrundsatz, wonach niemand wegen derselben Sache zwei Mal verfolgt werden dürfe. Die deutsche Justiz hatte schließlich den Fall auch unter Berücksichtigung der französischen Ermittlungsergebnisse eingestellt. Sowohl der Bundesgerichtshof als auch der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hatten Schadenersatzforderungen des Vaters gegen den Arzt abgewiesen.

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