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Schlag gegen die ’ndrangheta : Die Mafia am Bodensee

Aufnahmen, die die italienische Polizei zur Verfügung gestellt hat, zeigen eine Razzia im Rahmen der „Operation Platinum“. Bild: Polizia di Stato

Mit Razzien in mehreren europäischen Ländern ist die Polizei gegen einen Clan der ’ndrangheta vorgegangen. Einige der Beschuldigten sind seit Jahrzehnten in Deutschland aktiv.

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          Nach jahrelangen gemeinsamen Anti-Mafia-Ermittlungen hat die Polizei in Italien und Deutschland am Mittwoch mehr als 30 Beschuldigte verhaftet und Durchsuchungen an mehr als 80 Orten durchgeführt. Im Fokus der „Operation Platinum“ stand ein Clan der ’ndrangheta, der insbesondere im Piemont und in der Bodenseeregion aktiv war. Die Staatsanwaltschaften in Turin und Konstanz werfen den Beschuldigten unter anderem vor, Kokain in großen Mengen aus den Niederlanden nach Italien transportiert und dort weiterverkauft zu haben.

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sie sollen über direkte Kontakte zu kolumbianischen Rauschgifthändlern verfügt haben und auch zu Nicola und Patrick Assisi, zwei der wichtigsten Abgesandten der kalabrischen Mafia in Südamerika. Die beiden wurden im Rahmen der Ermittlungen schon 2019 in São Paulo festgenommen, wo sie offenbar eng mit dem Primeiro Comando da Capital (PCC) zusammengearbeitet hatten, dem mächtigsten Drogenkartell Brasiliens. Die Häfen des Landes sind in den vergangenen Jahren zu wichtigen Ausgangspunkten des Kokainschmuggels nach Europa geworden.

          In Deutschland hatte der Clan zudem ein „zweites Geschäftsmodell“ etabliert, wie der Konstanzer Oberstaatsanwalt Johannes-Georg Roth auf einer virtuellen Pressekonferenz am Mittwoch sagte: die „bandenmäßige Umsatzsteuerhinterziehung“. Die Verdächtigen sollen demnach in großem Stil Lebensmittel aus ihrer Heimat an italienische Restaurants und Händler in ganz Deutschland geliefert haben – ohne dafür Umsatzsteuer zu entrichten. Die illegalen Gewinne sollen dann zurück nach Italien geflossen sein. Den Schaden für den deutschen Fiskus bezifferte Roth auf mindestens zwei Millionen Euro. Zum Teil seien die Abnehmer der Waren in Deutschland auch unter Druck gesetzt worden, damit sie die Bedingungen der Beschuldigten akzeptierten. „Heute ist ein schöner Tag für die Strafverfolgung und ein schlechter Tag für die dunkle Seite der Macht.“

          Ausgangspunkt der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Turin war ein Treffen mehrerer mutmaßlicher Mafiosi beim Oktoberfest in München 2016. Deren Telefone wurden abgehört, wodurch sich Hinweise ergaben, dass die Zelle der kalabrischen Mafia in der Gemeinde Volpiano in der Metropolregion von Turin auch über ein Netzwerk jenseits der italienischen Grenzen verfügte. Vor etwa drei Jahren wurde dann die Staatsanwaltschaft Konstanz einbezogen. Koordiniert durch Europol und Eurojust, beteiligte sich an der Operation am Mittwoch zudem die Polizei in Spanien und Rumänien. Allein in Italien wurden bei Durchsuchungen im Piemont, in Kalabrien und auf Sardinien fünf Unternehmen, zwölf Immobilien sowie Vermögen in der Höhe von etwa fünf Millionen Euro beschlagnahmt.

          In Deutschland wurden Wohn- und Geschäftsräume in 46 Orten durchsucht, insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Die Staatsanwaltschaft Konstanz ließ nach eigenen Angaben zunächst Bargeld, Konten und Vermögenswerte wie Autos im Wert von etwa einer halben Million Euro beschlagnahmen.

          Eine Rolle für den Erfolg der Ermittlungen spielte offenbar die Entschlüsselung von Nachrichten der Krypto-Dienste EncroChat und Sky ECC durch niederländische, belgische und französische Ermittler. Auch die Verdächtigen der „Operation Platinum“ hatten über entsprechend verschlüsselte Smartphones kommuniziert.

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          ’ndrangheta : Warum die kalabrische Mafia so mächtig ist Bild: Picture-Alliance

          Wegen der Corona-Pandemie hielten sich mehrere Beschuldigte, die sonst vor allem in Baden-Württemberg aktiv waren, schon seit längerer Zeit in Italien auf. Dort wurden nun etwa 30 Verdächtige verhaftet. Von den drei in Deutschland ausgestellten Haftbefehlen konnte nur einer vollzogen werden. Die beiden anderen Verdächtigen werden jetzt mit europäischen Haftbefehlen gesucht.

          Unter den Beschuldigten befinden sich nach Informationen von MDR, IrpiMedia und F.A.Z. auch mehrere kalabrische Gastwirte, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben und zuletzt italienische Edelrestaurants in Überlingen am Bodensee sowie in Baden-Baden betrieben. Mindestens zwei von ihnen waren zuvor auch in Erfurt aktiv und hatten dort Geschäftsbeziehungen mit einer Gruppe italienischer Gastwirte, gegen die schon vor etwa 20 Jahren wegen des Verdachts der Geldwäsche im Auftrag der ’ndrangheta ermittelt wurde.

          Das Verfahren unter dem Decknamen „Fido“ wurde damals, wie gemeinsame Recherchen von MDR und F.A.Z. zeigen, ohne Anklage beendet. Die genauen Umstände blieben unklar. Ein ranghoher Ermittler sagte rückblickend: „Es gab damals keinen sachlichen Grund, das Verfahren einzustellen.“ Der Thüringer Landtag hat deshalb Ende April die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beschlossen, der in den kommenden Monaten die Hintergründe der Verfahrenseinstellung sowie mögliche Verflechtungen der Verdächtigen damals mit der Politik, der Justiz und der Wirtschaft in Erfurt untersuchen soll.

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