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Kalabresische Mafia : 'ndrangheta auch in Deutschland stabil

  • -Aktualisiert am

Vor der Beerdigung von drei der sechs Duisburger Mordopfer in der Kirche von San Luca Bild: AP

Maßlose Mafia: Die Ermittlungsakten der italienischen Staatsanwälte ein Jahr nach den Mafiamorden von Duisburg zeigen, wie das organisierte Verbrechen von Kalabrien nach Norden ausgreift. Auch in Deutschland ist die Mafia gut organisiert.

          Die kalabresische Mafia 'ndrangheta hat auch in Deutschland stabile Organisationen. Das geht aus den Ermittlungsakten zu den Morden von Duisburg vor einem Jahr hervor. Der noch immer flüchtige Hauptverdächtige Giovanni Strangio soll nach Informationen der kalabresischen Staatsanwälte auch Anführer einer örtlichen Unterorganisation des Mafiaclans der Nirta-Strangio sein, zu der weitere sieben Mafiosi zählten.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Es gelte als erwiesen, dass Giovanni Strangio und seine Helfer die Mafiagruppe in der Stadt Kaarst, zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf gelegen, etabliert hätten, heißt es in einem Antrag der Staatsanwälte an den Untersuchungsrichter in Reggio Calabria. Die acht Italiener - sechs aus Kalabrien, einer aus Ligurien und einer aus Apulien - hätten den Mittelpunkt ihrer geschäftlichen Interessen nach Kaarst verlegt und dort zwei Pizzerias namens „Tonys“ und „San Michele“ eröffnet, „die bei Licht besehen ohne Zweifel als logistische Basis für die Mafiafamilie 'Nirta-Strangio' gelten können, genauso, wie das Restaurant 'Da Bruno' in Duisburg für die konkurrierende Mafiafamilie als Referenzpunkt galt“.

          Ausgedehntes Operationsgebiet

          Die Morde in Duisburg, denen in der Nacht zum 15. August sechs kalabresische Mafiosi zum Opfer gefallen waren, haben zwar zum ersten Mal einen ursprünglich lokalen Mafia-Krieg nach Deutschland getragen. Sonst aber zeigen sich die italienischen Anti-Mafia-Staatsanwälte wenig überrascht. In Duisburg und Kaarst, so heißt es, hätten die kalabresischen Mafia-Organisationen „ihre wirtschaftlichen und kriminellen Interessen verwurzelt.“

          August 2007: Mafia-Morde in Duisburg

          Unterstellt wird damit, dass auch die ermordeten Kalabresen von der konkurrierenden Mafiafamilie Pelle-Vottari Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen besaßen. Diese Familie habe ihr Operationsgebiet vom kalabresischen San Luca nach Duisburg ausgedehnt. Mehrere der in Duisburg ermordeten Italiener hatten offenbar selbst einen tödlichen Anschlag auf die verfeindete Mafiafamilie geplant. Denn der 29 Jahre alte Giovanni Strangio soll für eine Bluttat im Heimatdorf San Luca Rache geschworen haben. Die Gegner haben ihn gefürchtet, wollten also nicht warten, bis er oder Mitglieder seiner Familie in Kalabrien Rachepläne verwirklichten, sondern ihn schon vorher ausschalten. Doch Giovanni Strangio ist ihnen zuvorgekommen.

          Die Entsorgung der Waffe - bis ins Detail organisiert

          Verhöre und abgehörte Telefonate belegen aus Sicht der Staatsanwälte, dass der Verdächtige selbst tagelang Vorbereitungen für sein Attentat getroffen hatte. Er war 2007 bis zum 4. August in Kalabrien mit Ausreiseverbot belegt, kam dann am 8. August nach Deutschland und versuchte sofort, sich mit Waffen und einer schusssicheren Weste einzudecken. Am Vormittag nach dem Attentat waren fünf von Giovanni Strangios Gehilfen zu einem Treffen in der Pizzeria „San Michele“ in Kaarst bestellt. Einer hatte den Schlüssel zu Strangios Wohnung bei sich, einer kannte das Versteck der Waffe, ein dritter brachte den Befehl, die Waffe zu holen, ein Vierter musste sie in Empfang nehmen und wegbringen.

          Die Entsorgung seiner Waffe hatte Giovanni Strangio bis ins Detail organisiert. Das lässt auch Schlüsse zu auf die Vorgehensweise bei dem Attentat, das unter anderem ihm zugeschrieben wird, und bei der Flucht. Demgegenüber wirkt es wie eine kurzsichtige Verzweiflungstat, dass eine andere Waffe in einem Fass mit Senf und die dazugehörige Munition in einem Glas Tomatenketchup versteckt wurden, denn beides hat die deutsche Polizei schließlich bei Hausdurchsuchungen gefunden.

          In Untersuchungshaft und auf der Flucht

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