https://www.faz.net/-gum-z6yl

Kachelmann-Prozess : Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft

Schuldig oder nicht schuldig? Jörg Kachelmann Bild: dpa

Im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator geht die Staatsanwaltschaft weiter von der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers und damit von einer Schuld des Angeklagten aus. Sie fordert vier Jahre und drei Monate Haft für Kachelmann.

          Noch nicht einmal zehn Minuten hat Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge gesprochen, als Jörg Kachelmanns Verteidiger plötzlich aufsteht und zur Richterbank geht. Er lehnt sich über den Tisch, redet auf den vorsitzenden Richter ein - und Oltrogge, der gerade gesagt hat, warum er die Aussage des Angeklagten für unglaubwürdig hält, unterbricht verdutzt sein Plädoyer. Nach kurzem Tuscheln wendet sich der Richter an Oltrogge und weist ihn auf die Absprache hin, auch in den Plädoyers Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligter zu nehmen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dass Oltrogge wörtlich aus dem SMS-Verkehr zwischen Kachelmann und dem mutmaßlichen Opfer zitiert hat, in dem es auch um sexuelle Kontakte geht, rügt der Richter. Verteidiger Johann Schwenn wirft der Staatsanwaltschaft lauthals vor, das Plädoyer als letzte Chance zu nutzen, um „den Angeklagten richtig fertig zu machen“. Oltrogge entgegnet, dass sich die Staatsanwaltschaft von der Verteidigung nicht das Wort verbieten lasse. Schwenn beantragt daraufhin den Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Richter bittet die Prozessbeteiligten ins Hinterzimmer, um noch einmal über das weitere Vorgehen am Tag der Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage zu sprechen. Die Stimmung zum Ende des fast neun Monate andauernden Prozesses gegen Kachelmann im Mannheimer Landgericht ist angespannt. Nach einer mehr als einstündigen Beratungspause darf Oltrogge mit seinem Plädoyer öffentlich fortfahren.

          Während der Hauptverhandlung schwieg Kachelmann

          Die Aussage der Frau, die Kachelmann beschuldigt, sie in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben, hält die Staatsanwaltschaft weiterhin für glaubhaft. Zwar habe die Frau in einigen Punkten zur Vorgeschichte der angeblichen Tat gelogen, was aber nicht bedeute, dass sie insgesamt die Unwahrheit gesagt habe. Aus polizeilichen Vernehmungen und Gesprächen mit einer Psychologin, aus denen Oltrogge im Anschluss vorliest, ergeben sich weitere Details zum angeblichen Tathergang: So hat die Frau ausgesagt, dass sie Kachelmann an dem besagten Abend auf seine Untreue angesprochen habe. Nach längerem Schweigen habe er ihr schließlich gestanden, dass er noch mehrere Beziehungen führe, und dass er an krankhaftem Frauenhass leide, dass er verrückt sei wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sie habe Kachelmann aufgefordert, ihre Wohnung zu verlassen. Er aber habe sie plötzlich eiskalt und böse angestarrt, sei in die Küche gegangen, habe ein Messer genommen, sie an den Haaren gepackt, ihr das Messer an den Hals gedrückt und gesagt: „Halt die Klappe, oder du bist tot!“ Dann habe er sie auf das Bett geworfen und vergewaltigt.

          Plädieren für schuldig: Die Staatsanwälte Lars-Torben Oltrogge und Oskar Gattner

          Das Streitgespräch, den angeblichen Angriff mit dem Messer und ihre Todesangst habe die Frau sehr detailliert und glaubhaft geschildert, so dass davon auszugehen sei, dass sie das tatsächlich erlebt habe, sagt Staatsanwalt Werner Mägerle, der einen Teil des Plädoyers hält. Zu dem Ergebnis sei auch die aussagepsychologische Gutachterin Luise Greuel gekommen. Die Bedrohung mit dem Tod habe die Wahrnehmungsfähigkeit der Frau in Bezug auf das weitere Geschehen beeinträchtigt, was erkläre, weshalb sie den Ablauf der angeblichen Vergewaltigung nur lückenhaft erinnern könne.

          Kachelmann selbst hatte sich zu der besagten Nacht nur einmal kurz nach seiner Verhaftung geäußert, während der Hauptverhandlung in Mannheim schwieg er. Die Aussage vor dem Haftrichter, wonach er an dem Abend einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit der Frau hatte, bevor sich die beiden nach einem Streit trennten, hält die Staatsanwaltschaft für unwahr. So habe Kachelmann zunächst angegeben, das Küchenmesser und ein Tampon der Frau nicht berührt zu haben, nach Gesprächen mit seinem Anwalt habe der dann gesagt, er erinnere sich nicht. Im Anschluss an die Nacht des 8. Februar habe Kachelmann gezielt SMS von seinem Handy gelöscht, unter anderem von dem mutmaßlichen Opfer und anderen ehemaligen Freundinnen, und damit versucht, Spuren zu beseitigen.

          Das Urteil wird Ende Mai erwartet

          Auch die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Gutachten und der Spurenermittlung sprechen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft für die von der Nebenklägerin geschilderte Version. Alle Rechtsmediziner hätten bejaht, dass die Verletzung am Hals der Frau grundsätzlich von dem Messer stammen könnten. Dass die Frau sich die Verletzung selbst zugefügt habe, schließt Oltrogge aus, dagegen sprächen unter anderem die enormen Schmerzen, die dabei entstünden. Die Spurensicherung hätte außerdem auf dem Messer DNA-Material der Nebenklägerin gefunden, sowie Spuren, die sich Kachelmann - wenn auch nicht mit Sicherheit - zuordnen ließen. „Ich halte es nicht für möglich, dass die Nebenklägerin in einer Nacht diese Spurenlage bewusst erzeugen konnte“, sagt Oltrogge. Dass sich die Frau die weiteren Verletzungen an Beinen, Bauch und Armen selbst beigefügt haben soll, was die rechtsmedizinischen Gutachter nicht ausgeschlossen hatten, hält Oltrogge für unwahrscheinlich. So habe die Frau zum Beispiel in den Vernehmungen angegeben, nicht zu wissen, wann und wie die handtellergroßen Hämatome an den Oberschenkeln entstanden seien. „Warum soll sie sich dann die Mühe machen und die Schmerzen auf sich nehmen?“, sagt Oltrogge.

          Jedes einzelne dieser vielen Indizien sei durchaus auch anders zu erklären als durch die angebliche Vergewaltigung, sagt Oltrogge. Die Gesamtschau der Indizien lasse sich aber nur mit der in der Anklageschrift geschilderten Tat vereinbaren. Deshalb sei Kachelmann wegen besonders schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung zu verurteilen. Als Strafmaß fordert die Staatsanwaltschaft vier Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe. Die Plädoyers der Verteidigung folgen nächste Woche, das Urteil soll am 31. Mai gesprochen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Logo der Wikipedia.

          Enzyklopädie : Die Wikipedia veraltet

          Viele Beiträge des Internet-Lexikons sind Monate oder sogar Jahre alt. Offenbar fehlt es dem Lexikon an Mitarbeitern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.