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Kachelmann-Prozess : Sachverständiger bezweifelt Erinnerungslücken des Opfers

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Vertraute Pose, aktuelles Foto: Jörg Kachelmann heute morgen auf dem Weg zum Gericht Bild: dapd

Im Kachelmann-Prozess hat der Sachverständige bezweifelt, dass sich das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer an das Geschehen nur lückenhaft erinnere. Damit widersprach er ausdrücklich dem Therapeuten der Frau, der das Gegenteil behauptet hatte.

          Im Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann hat der gerichtlich bestellte Sachverständige in Zweifel gezogen, dass sich das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer an das Geschehen nur lückenhaft erinnere. Der aus Berlin stammende Psychiater Hans-Ludwig Kröber sagte am Freitag vor dem Landgericht Mannheim: „In der Regel werden traumatische Ereignisse besonders gut erinnert.“ Das gelte auch für Vergewaltigungsopfer. Kröber widersprach damit ausdrücklich dem Heidelberger Traumatologie-Professor Günter Seidler, wonach sich traumatisierte Opfer später nicht mehr gut an das Ereignis erinnern könnten. Völliger Erinnerungsverlust sei eine seltene Ausnahme.

          Die Aussage Kröbers ist im Prozess vor dem Landgericht Mannheim von Bedeutung, weil die langjährige Freundin Kachelmanns bei der Schilderung der angeblichen Vergewaltigung Erinnerungslücken haben soll. Journalisten und Öffentlichkeit waren bei ihrer 20-stündigen Vernehmung ausgeschlossen. Ihr Therapeut Günter Seidler erklärt die Erinnerungslücken mit ihrer Todesangst. Diese These ist laut Kröber ohne wissenschaftliche Grundlage.

          Angst werde nicht mehr empfunden

          Keinesfalls sei der Umkehrschluss zulässig, dass Gedächtnislücken auf ein tatsächliches lebensbedrohliches Erlebnis schließen lassen. Insgesamt reagierten Menschen auf erschütternde Ereignisse sehr unterschiedlich. Nur rund 30 Prozent entwickelten „posttraumatische Symptomatiken“. Bei den Polizisten, die nach dem schweren Flugzeugabsturz über dem Bodensee 2002 im Einsatz waren, seien sogar nur drei Prozent traumatisiert gewesen.

          Kröber sagte vor dem Landgericht Mannheim weiter, dass es in lebensbedrohlichen Lagen zu einer Abspaltung des Gefühls komme. Angst werde nicht mehr empfunden, was später oft zu der Aussage der Betroffenen führe, sie würden sich „nur noch teilweise erinnern“.

          Schlagabtausch zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft

          Nicht nur schlimme Straftaten könnten zu Traumatisierungen bei den Opfern führen, sondern ebenso schwere Demütigungen oder Trennungssituationen, sagte der Gutachter. Über die langjährige Freundin Kachelmanns sprach Kröber im öffentlichen Teil seines Gutachtens nicht.

          Am Morgen des 29. Verhandlungstages war es zu einem Schlagabtausch zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft gekommen. Rechtsanwalt Johann Schwenn beantragte, Oberstaatsanwalt Oskar Gattner als Zeugen zu vernehmen. Hintergrund ist ein Streit zwischen Verteidigung und Anklage um den Inhalt der Aussage der Schweizer Zeugin.

          Unzutreffende Angaben über die telefonische Aussage der Schweizer Zeugin?

          Schwenn wirft Gattner vor, er habe in einem Aktenvermerk unzutreffende Angaben über die telefonische Aussage der Schweizer Zeugin gemacht. Diese habe weder am Telefon noch sonst gesagt, sie habe aufgrund eines Übergriffs Kachelmanns beim Sex „Angst gehabt wie noch nie“. Sie habe auch nicht gesagt, Kachelmanns Gesicht sei „so anders geworden“ und sie sei in der Folge krank gewesen.

          Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hielt Schwenn entgegen, die Aussage der Schweizer Zeugin anders darzustellen als sie war. Da ihre Aussage nicht-öffentlich ist, verwies Oltrogge nur abstrakt auf eine Seite des Schweizer Vernehmungsprotokolls.

          Das Gericht will zu einem späteren Zeitpunkt über die Vernehmung des Oberstaatsanwalts Gattner entscheiden.

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