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Kachelmann-Prozess : „Geradezu scharlatanesk anmutendes Gebaren“

Gefragt in der Prozesspause: Johann Schwenn Bild: dapd

Johann Schwenn, Kachelmanns neuer Verteidiger, teilt aus. Harsch kritisiert er in Mannheim das Vorgehen des Gerichts, legt sich mit der Staatsanwaltschaft an und verschont auch seinen Vorgänger nicht. Am Ende lässt er eine Aktentasche mit Brotzeitdose beschlagnahmen.

          Der Strafverteidiger schaut kaum auf, als er dem Staatsanwalt einen weiteren Seitenhieb versetzt. „Herr Oltrogge“, sagt er, „können Sie das bitte unterlassen. So kann ich mich nur schwer konzentrieren.“ Dann fährt er fort mit seinen Ausführungen, mit fester Stimme und im gleichen Tempo wie zuvor. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Verhandlungssaals I des Mannheimer Landgerichts, schaut unterdessen der beim Flüstern ertappte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge wie ein Schulbub drein.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es ist erst sein zweiter Verhandlungstag an der Seite des ehemaligen Wettermoderators Jörg Kachelmann in einem Verfahren, das nun schon seit Anfang September läuft. Doch der Hamburger Anwalt Johann Schwenn nutzt jede Gelegenheit zur Attacke. Zu Beginn der Woche folgte er auf Kachelmanns bisherigen Anwalt Reinhard Birkenstock. Nun kritisiert er harsch das Vorgehen des Gerichts, legt sich mit der Staatsanwaltschaft an und verschont auch seinen Vorgänger nicht mit bissigen Kommentaren.

          Der 17. Verhandlungstag sollte mit der Vernehmung des Traumatologen Günter Seidler beginnen, der das mutmaßliche Vergewaltigungs-Opfer behandelt. Doch schon nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden Richter ergreift Johann Schwenn, ein selbstsicherer älterer Herr, der unter der schwarzen Robe Jackett und Weste mit Nadelstreifen trägt, das Wort und überrascht Gericht und Staatsanwaltschaft mit Neuigkeiten und Anträgen. Er teilt mit, dass er einen von seinem Vorgänger bestellten Gutachter wieder ausgeladen habe.

          Der Verteidiger und der Angeklagte

          Exklusivitätsvereinbarung mit „Bunte“

          Danach liest Schwenn aus einem Vertrag zwischen einer ehemaligen Geliebten des Angeklagten und dem Verlagshaus Burda vor. Die Frau hatte vor Gericht schon als Zeugin ausgesagt - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gleichzeitig habe sie, zitiert Schwenn aus dem Papier, eine Exklusivitätsvereinbarung mit der Illustrierten „Bunte“ abgeschlossen, wonach sie sich verpflichtete, zum Prozess in einem Fahrzeug mit verdunkelten Scheiben vorzufahren, das Gerichtsgebäude über einen Hintereingang zu betreten, zu verhindern, dass Fotos von ihr gemacht werden, und die der Zeitschrift in einem Interview gegebenen Informationen nicht anderweitig zu verwenden. Da diese Tatsachen nicht die Privatsphäre der Zeugin beträfen, für den Prozess aber durchaus relevant seien, kündigt Schwenn dem Richter an, gegebenenfalls eine neue Vernehmung der Zeugin unter Zulassung der Öffentlichkeit zu beantragen.

          Als nächstes stellt Schwenn einen Befangenheitsantrag gegen die Sachverständige Luise Greuel, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Aussage des mutmaßlichen Opfers begutachtet hat. Eine Überraschung - schließlich kommt die Psychologin in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass die Aussage Mängel habe und Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zulasse. Dennoch, klagt Schwenn, habe die Gutachterin ihren Auftrag und ihre Fähigkeiten weit überschritten, indem sie dem mutmaßlichen Opfer ein schweres Trauma attestiert habe. „Das ist die Aufgabe eines Arztes und nicht einer Psychologin“, sagt Schwenn. „Da ist wohl die Jagdneigung mit der Sachverständigen durchgegangen.“ Außerdem habe die Staatsanwaltschaft weder dem Angeklagten noch seinem Verteidiger die Möglichkeit gelassen, zu der ausgewählten Gutachterin Stellung zu beziehen.

          Ein Seitenhieb auf den Vorgänger

          Ein Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft nicht auf sich sitzen lässt: Schwenns Vorgänger Birkenstock habe vor dem Prozess mehrere mögliche Gutachter angesprochen und bei einem Gespräch mit der Staatsanwaltschaft keine Einwände gegen Frau Greuel geäußert. Kachelmanns neuer Verteidiger reagiert mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger: „Ich bin nicht der Verteidiger von Herrn Birkenstock. Ob es aber eine gute Idee war, die Sachverständigen vorher anzusprechen. . . Sie können sich vorstellen, was ich davon halte. Deshalb sitze ich hier.“

          Ihm gegenüber braust Staatsanwalt Oltrogge nun auf und ruft sichtlich enerviert: „Wie oft wollen Sie es denn noch hören? Ich habe Rücksprache mit Birkenstock genommen, er hat überhaupt keine Einwände erhoben.“ Anschließend unterbricht der Richter die Verhandlung für eine Stunde, um sich mit seinen Kollegen über die Anträge von Kachelmanns Verteidiger zu beraten. Nach der Pause gibt er der Staatsanwaltschaft sowie der Sachverständigen Greuel eine Woche Zeit, eine Stellungnahme zu Schwenns Anträgen vorzubereiten.

          Und noch ein Antrag

          Dann soll endlich der Therapeut Günter Seidler als „sachverständiger Zeuge“ vernommen werden - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die ersten Zuschauer stehen deshalb schon auf, als Verteidiger Schwenn einen weiteren Antrag stellt: Der Zeuge Seidler solle öffentlich vernommen werden - und zwar zumindest bei allen Fragen, die seine Kompetenz beträfen. „In seinen Therapieprotokollen findet man Absonderliches“, begründet Schwenn seine Forderung. „Der Zeuge behauptet von sich, er könne Todesangst riechen.“ Mehrere der knapp 50 Zuschauer lachen laut los, der Richter ruft nach Ruhe, und Schwenn setzt nach: „Anlass zum Gelächter hat Zeuge Professor Seidler gegeben.“ Die Öffentlichkeit müsse sich deshalb ein Bild machen können, ob Seidler als sachverständiger Zeuge tauge, schließlich offenbare er „grenzübschreitendes und geradezu scharlatanesk anmutendes Gebaren.“

          Nach einer weiteren kurzen Pause lehnt das Gericht Schwenns Antrag auf Zulassung der Öffentlichkeit ab, weil alle Fragen an den Therapeuten Seidler in direktem Zusammenhang mit der Intimsphäre der von ihm betreuten Patientin stünden. Schwenn antwortet mit dem Hinweis, dass ein weitgehender Ausschluss der Öffentlichkeit ein möglicher Revisionsgrund gegen das Urteil des Landgerichtes sei, und beantragt, dass alle seine Fragen während der nichtöffentlichen Befragung des Zeugen wortwörtlich protokolliert werden - „damit der BGH das gegebenenfalls überprüfen kann.“

          Eine leere Brotzeitdose

          Dann müssen alle Zuschauer und Journalisten den Verhandlungssaal verlassen - und dürfen nach nicht einmal zehn Minuten wieder hinein. Denn sofort nachdem sich der Zeuge Günther Seidler vorgestellt hat, stellt Verteidiger Schwenn seinen nächsten Antrag: Der Aktenkoffer des geladenen Therapeuten möge beschlagnahmt werden, da darin möglicherweise Unterlagen seien, die als Beweismittel für das weitere Verfahren von Bedeutung sein könnten. Die Staatsanwaltschaft äußert keine Einwände, Seidler zieht eine leere Brotzeitdose aus seinem Koffer und hält sie in die Höhe.

          Dann überreicht er seinen schwarzen Pilotenkoffer, in dem sich nach seiner Auskunft neben der Tupperdose ein Terminkalender, zahlreiche Mitschriften und mehrere Bücher befinden, dem Gericht. Der Richter vertagt die Befragung des Zeugen Günter Seidler, die nur der Beginn der Befragung zahlreicher Fachleute sein soll, auf den nächsten Verhandlungstag.

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