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Prozess gegen Jugendtrainer : Mit Schlafmittel willenlos gemacht

Im Gerichtssaal: Die Verteidiger schützen den Angeklagten, indem sie ihm Aktenordner vor das Gesicht halten. Bild: dpa

Einer der gravierendsten Missbrauchsfälle in der deutschen Sportszene wird vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt: Ein ehemaliger Jugendtrainer soll Schützlinge genötigt und missbraucht haben.

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          Vergewaltigung, sexuelle Nötigung unter Ausnutzung des eingeschränkten Willens, sexueller Missbrauch von Kindern, Herstellung kinder- und jugendpornografischer Inhalte und gefährliche Körperverletzung, zum Teil in einer großen Zahl von Fällen: Die Liste der Vorwürfe gibt nur eine Ahnung des Leides und Schreckens, die, sollten die Vorwürfe zutreffen, der Angeklagte Sven B. in den vergangenen Jahren verbreitet hat. Den Ermittlungen zufolge setzte der ehemalige Jugendfußballtrainer, der zuletzt beim Drittligaverein SV Wehen Wiesbaden angestellt war, seine Schützlinge und andere Jungen seit 2014 unter Druck und nutzte seine Vertrauensstellung aus, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

          Helmut Schwan
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der SV Wehen Wiesbaden entließ ihn fristlos, nachdem der Verdacht Ende 2021 bekannt wurde. In den vergangenen fast 20 Jahren arbeitete B. Berichten zufolge bei mehreren Vereinen der Rhein-Main-Region, außerdem als Auswahltrainer des Hessischen Fußball-Verbandes. Er soll die „Jugend-Elite-Lizenz“ des Deutschen Fußballbundes besitzen. Der Fall ist einer der gravierendsten seiner Art in der deutschen Sportszene.

          Bisher knapp ein Dutzend Opfer

          Sven B., ein untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht, kam am Freitag zum Auftakt des Prozesses vor einer Jugendkammer des Frankfurter Landgerichts in Handschellen in den Gerichtssaal. Seine drei Verteidiger schirmten ihn mit Aktenordnern ab, damit er nicht gefilmt oder fotografiert werden konnte. Er wirkte konzentriert, sprach relativ entspannt mit seinen Anwälten. Einige Eltern seiner mutmaßlichen Opfer, die in dem Prozess Nebenkläger sind, saßen ihm schräg gegenüber.

          Bei Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich bisher knapp ein Dutzend Opfer gemeldet. Nachdem einer der Jungen von den Vorfällen berichtet hatte, wurde B., der im Main-Taunus-Kreis wohnte, im Dezember 2021 festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Laut Anklage fanden sich auf seinem Handy Bilder und Videos der Taten. In seiner Wohnung sollen zudem mehrere Computer und viele Festplatten mit einschlägigem Material sichergestellt worden sein.

          In Bonbons injiziertes Schlafmittel

          Die Staatsanwaltschaft trug zu Prozessbeginn am Freitag nur in den Worten der gesetzlichen Straftatbestände vor, was B. vorgeworfen wird. Nachdem dieser sogenannte abstrakte Anklagesatz verlesen war, wurden Zuhörer und Medienvertreter gebeten, den Saal zu verlassen. In aller Regel wird die Öffentlichkeit in solchen Verfahren ausgeschlossen. Das Gesetz verlangt das zum Schutz der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen und ihrer weiteren Entwicklung. Möglichst wenig von dem, was man ihnen angetan hat, soll bekannt werden. Wer von ihnen vor Gericht aussagen wird, bleibt offen.

          Wie die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den insgesamt vier Anklageschriften schon früher bekannt gab, hatte B. auch in Schokobonbons injiziertes Schlafmittel eingesetzt, um die Jungen willenlos zu machen. In anderen Fällen soll er sie über soziale Netzwerke unter einer falschen Identität bedroht und sich dann selbst als Gesprächspartner und Helfer angeboten haben. Die so erzeugte Nähe und das Vertrauen soll er für seine Zwecke missbraucht haben. Auch während „Playstation-Abenden“ kam es den Ermittlungen zufolge zu Sexualdelikten.

          An wie vielen Kindern und Jugendlichen, die er als Trainer betreute, er sich mutmaßlich verging, wird die Verhandlung klären müssen. Die Staatsanwaltschaft will nicht ausschließen, dass sich noch mehr Betroffene melden werden. In den Wochen, nachdem die Verhaftung des im Jugendsektor bekannten Fußballtrainers publik wurde, hatten auch andere den Mut gefasst zu berichten, was ihnen widerfahren war.

          Bisher hatte sich der Angeklagte nicht zu den Vorwürfen geäußert. Es blieb am Freitag offen, ob er in dem Prozess Angaben zu sich und den gegen ihn erhobenen schweren Vorwürfen machen wird. Der Prozess ist bis Ende November terminiert. Das Landgericht wird über das Urteil berichten.

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