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Jugendliche Straftäter : Mit der Gewalt am Ende

  • -Aktualisiert am

Wenn man ihnen die Stirn bietet, fangen sie an zu denken: Stefan Werner beim Anti-Gewalt-Training Bild: Wonge Bergmann

Sieben junge Schläger im Anti-Gewalt-Training auf dem langen Weg zur Friedfertigkeit. Im Hunsrück lernen sie das erste Mal, sich in ihre Opfer hineinzudenken und erkennen die Wurzeln ihrer Aggression - die eigene Kindheit.

          5 Min.

          Am Anfang jeder Sitzung müssen die sieben Gewalttäter singen. Sie, die auf Hip-Hop stehen, tief hängende Jeans und Silberketten tragen, sollen einzeln oder im Chor ein 175 Jahre altes Volkslied vortragen. Widerwillig stehen sie auf, räuspern sich, ein heiseres Krächzen dringt aus ihren Kehlen: „Ma-rie-chen saß wei-nend im Gar-ten, im Gra-se lag schlummernd ihr Kind . . .“ Und Trainer Stefan Werner fordert: „Kraftvoller, mit mehr Gefühl!“

          Anti-Gewalt-Training im Hunsrück

          Anfangs wirkt das auf die Jungen blamabel. Aber es ist für sie ein wichtiger Schritt. Sie lernen peinliche Situationen zu meistern, über sich selbst zu lachen, ihre Gefühle auszudrücken. Denn wer keine Gefühle zeigt, kann auch kein Mitleid empfinden. Das Singen ist Teil eines Anti-Gewalt-Trainings, das die jungen Schläger über vier Monate lang mit sich selbst konfrontiert, mit ihren Stärken und Schwächen.

          Aus Straßenkämpfern sollen friedfertige Männer werden, die ihre Wut unter Kontrolle haben. Das Training findet in einem kleinen Waldschloss im Hunsrück statt. Die sieben jugendlichen Straftäter sind zwischen 17 und 20 Jahre alt, keiner von ihnen ist freiwillig hier. Ein Jugendgericht hat sie zu Bewährungsstrafen verurteilt, das Training ist ihre Auflage. Wer nicht ordentlich mitmacht, kommt wieder vor das Gericht.

          70 Stunden Zeit

          Trainingsleiter Stefan Werner bleiben rund 70 Stunden Zeit, um den Schlägern das Schlagen auszutreiben. Als Co-Trainer unterstützen ihn abwechselnd zwei Sozialarbeiter und zwei Lehrerinnen. Außerdem hilft der 26 Jahre alte Marco, ein ehemaliger Gewalttäter, der durch Werners Training vor sechs Jahren vom Schlagen wegkam.

          Marco, ein sympathischer, mitteilsamer Typ, findet schnell einen Draht zu den Jugendlichen. Man glaubt kaum, dass er sich früher fast täglich prügelte, an manchen Tagen zehnmal hintereinander.

          Langer Weg zur Reue

          In der Mitte sitzt Tim, die anderen sechs und die Therapeuten um ihn herum. Der heiße Stuhl. Zwei Stunden lang wird der Achtzehnjährige mit sich und seinen Taten konfrontiert. Die Richter haben ihn zu einer Jugendstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er einer jungen Frau auf dem Friedhof die Handtasche wegriss und sie von hinten würgte. „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort“, schreibt er im Fragebogen, den jeder Teilnehmer ausfüllen muss.

          Solche Rechtfertigungen sind üblich. Es ist einfacher, die Tat zu beschönigen und das Opfer herabzusetzen, als sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Mal wurde die Ehre beschmutzt (“Der hat meine Mutter beleidigt“), mal sind die Opfer älter und stärker (“Es war Notwehr“), oder es sind üble Kerle (“Ich musste meine Freunde beschützen“). Bis zur Reue ist es ein langer Weg. Tim steht noch am Anfang. Im Fragebogen stuft er sich als „freundlich, nett und respektvoll“ ein.

          „Mach doch mal!“

          Tim ist klein und trägt eine Brille. Sein schmaler Körper steckt in labbrigen, senfgelben Hip-Hop-Klamotten. Die Hauptschule brach er nach der achten Klasse ab, seine Lehre als Koch nach drei Wochen. Mit seinem Leben sei er zufrieden. Die Therapeuten sehen das Gegenteil: Ständig weicht er ihren Blicken aus, nuschelt, als wäre ihm jeder Satz peinlich. Widerwillig betritt Tim den Stuhlkreis. In der Mitte steht ein flacher Holztisch, darauf liegt ein brauner Ledergürtel mit einer Metallschnalle.

          „Mach doch mal!“, fordert ihn einer der Co-Trainer auf. Einen Moment lang schaut der Junge entgeistert. Dann legt er die Lederenden sorgfältig übereinander, tritt neben eine der Holzstützen im Raum und holt aus: Einmal, zweimal saust das Leder wie eine Peitsche durch die Luft, knallt dumpf gegen das Holz. Dann ist es still. Mit dem Gürtel hat Tim schon mal zugeschlagen: nicht auf eine Stütze, sondern in das Gesicht eines Gleichaltrigen. Als Kind wurde er von seiner Mutter mit einem Gürtel misshandelt.

          Die Stirn bieten

          Die Befragung ist intensiv und konfrontiert ihn mit Selbstwidersprüchen. Bis zur nächsten Sitzung soll Tim seine fünf schlimmsten Taten aufschreiben. „Die Aggressionen kommen immer wieder, und du musst verdammt viel tun, um davon wegzukommen“, sagt Werner. Er ist enttäuscht nach der Sitzung, aber nicht ohne Hoffnung. „Auch wenn es nicht so aussieht: Tim hat etwas mitgenommen.“

          Werner spricht in einfachen, klaren Sätzen zu den Jugendlichen. Manchmal schreit er sie an, aber er lässt sie nicht allein mit ihren Problemen. „Die Jungs haben feste Handlungsmuster, sie nicken alles ab. Erst wenn wir ihnen die Stirn bieten, fangen sie an zu denken.“

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