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Jugendliche Gewalt : Wer gegen den Kopf tritt, will töten

Hohe Gewaltbereitschaft: Die Liste der Übergriffe durch Jugendliche ist lang (siehe die folgenden Bilder) Bild: Robert Bochennek

Der Angriff auf Dominik Brunner in München war kein Einzelfall: Immer mehr Jugendliche verrohen und verlieren alle Hemmungen; immer schneller erobert die Gewalt den öffentlichen Raum. Den Tätern macht ihr Treiben vor allem eines: Spaß.

          3 Min.

          Dominik Brunner starb am 12. September, als er eine Gruppe Schüler am Münchner S-Bahnhof Solln vor zwei Schlägern schützen wollte. Vierzehn Tage später wollte ein Mann in Stuttgart einer Frau helfen, die von zwei Heranwachsenden belästigt wurde. Die beiden schlugen den Mann nieder, traten ihn gegen den Kopf. Einen Tag darauf griff eine Gruppe Männer in Böblingen ein Ehepaar an. Auch hier Tritte gegen den Kopf. Der Mann erlitt eine Gehirnblutung und Schädelbrüche.

          Philip Eppelsheim

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche.

          Vor allem der Tod von Dominik Brunner, aber auch die anderen Gewalttaten haben das Gefühl bestärkt, dass die Gewalt im öffentlichen Raum zunimmt. Doch ist es wirklich nur subjektives Empfinden, oder ist der Tod von Brunner nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs? Vor einigen Monaten hatte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble während der Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik 2008 gesagt, dass die Kriminalität zurückgegangen sei und es deutliche Rückgänge der Jugendkriminalität gegeben habe. „Gleichwohl bereitet mir die in Teilen der Gesellschaft vorhandene Gewaltbereitschaft - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen - große Sorge.“

          Hälfte der Tatverdächtigen sind Kinder und Jugendliche

          Nun zeigt die Polizeistatistik, die allerdings nur das „Hellfeld“ darstellt, dass die Kriminalität im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist. Doch vergleicht man die jetzige Situation mit der von 1993, ergibt sich ein anderes Bild: Die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzungen nahm bis 2007 um 72,3 Prozent zu, und die Fälle der Gewaltkriminalität stiegen seit 1993 um fast ein Drittel. Und noch eine Zahl zeigt, wie es um die Sicherheit im öffentlichen Raum bestellt ist: Die Zahl der gefährlichen und der schweren Körperverletzungen auf Straßen, Wegen oder Plätzen stieg gegenüber 2007 um 9,1 Prozent auf fast 73 000 - im Jahr 2000 waren es knapp 45 000 Fälle.

          Das heißt, jeden Tag werden rund 200 Menschen im öffentlichen Raum Opfer von Schlägern, ohne leichte Körperverletzungen oder das Dunkelfeld zu berücksichtigen. Und mehr als die Hälfte der Tatverdächtigen sind Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Staatsanwalt Daniel Heinke, Büroleiter beim Senator für Inneres und Sport in Bremen, sagt: „Sämtliche belastbaren Indikatoren weisen auf einen bundesweit kontinuierlichen, starken quantitativen Anstieg der Jugendkriminalität, insbesondere der Jugendgewaltkriminalität, in den vergangenen zwei Jahrzehnten hin.“ Während die Gesamtkriminalität zurückgehe, steige die Gewaltkriminalität an.

          Die Hemmschwelle der Täter sinkt

          Oft fährt die Angst besonders in Bussen, Bahnen und Zügen mit. Und das, obwohl die Berliner Polizei versichert, dass sich die Sicherheitslage im Personennahverkehr verbessert habe. 2948 Körperverletzungen wurden dort im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizei registriert. Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt sagt, es habe zwischen Juni 2008 und Mai 2009 57 Übergriffe gegeben, bei 176,5 Millionen Fahrgästen im vergangenen Jahr. Ein Anstieg der Gewaltdelikte sei laut Statistik nicht erkennbar.

          Doch die Angst ist da. Denn die Hemmschwelle der Täter sinkt, wenn sie überhaupt noch vorhanden ist. Fast jeder Fahrgast kennt Situationen, in denen er belästigt und beschimpft wurde. Und er kann nicht mehr sicher sein, dass es nur bei verbalen Attacken bleibt. „Früher wurde gepöbelt, das war es. Erschreckend ist, dass es heute eine Gewalt gibt, die erbarmungslos ist. Messer und Schlagringe sind im Spiel, es reicht nicht mehr ein Schlag, es müssen viele sein“, heißt es bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Und das sei im gesamten öffentlichen Leben so. „Seit einigen Jahren beobachten wir, dass der ,Fairnessbegriff' immer weniger Bedeutung hat. So wird unter Umständen ein Opfer noch misshandelt, obwohl es schon wehrlos am Boden liegt und beraubt wurde“, sagt die Berliner Polizei.

          „Die wussten genau, was sie taten“

          Geringe Anlässe können ausreichen, um Gewalt auszulösen, berichtet auch die Bundespolizei. Wenn es denn überhaupt einen Anlass braucht. Das musste Ende 2007 auch ein Rentner in der Münchner U-Bahn erleben, als er zwei Heranwachsende auf ein Rauchverbot hinwies. Er erlitt mehrere Schädelfrakturen mit Einblutungen ins Gehirn. Auf einer Videoaufzeichnung war zu sehen, wie einer der Täter Anlauf nahm und gegen den Kopf des Rentners trat. Tötungsabsicht habe nicht bestanden, sagt der Verteidiger des Jugendlichen. Zudem habe der Rentner einen barschen Tonfall gehabt. Und schließlich tue es dem Jugendlichen „sehr leid“.

          Dieses Lippenbekenntnis durfte sich auch Peter Meding anhören, nachdem zwei junge Männer ihm im Februar 2008 die Schulter zertrümmert und ihm mit einer Bierflasche fünf Löcher in den Kopf geschlagen hatten. Wie Brunner hatte Meding eine Gruppe Schüler vor den Tätern schützen wollen. „Die wussten genau, was sie taten“, sagt Meding, der seit dem Angriff arbeitsunfähig ist. „Es war versuchter Totschlag.“ Eine Einschätzung, die durch die Dissertation von Heinke, „Tottreten - eine kriminalwissenschaftliche Untersuchung von Angriffen durch Fußtritte gegen Kopf und Thorax“, bekräftigt wird. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Lebensgefährlichkeit von Tritten gegen den Kopf der breiten Bevölkerung bekannt sei. „Rund ein Drittel der Befragten erwartet (!) sogar eine tödliche Verletzung.“

          Verrohung eines Teils der Gesellschaft

          Heinke, der auch als Sonderdezernent für Kapitalverbrechen und Todesursachenermittlungen tätig war, sagt, die jugendlichen Schläger handelten sehr häufig einfach aus „Freude an Ausübung von Gewalt“. Äußerst brutale Taten scheinen für manche Jugendlichen „augenscheinlich eine vollkommen normale Alltagserfahrung zu sein“. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, spricht von einer Verrohung eines Teils der Gesellschaft. Und diesem Teil sei es gelungen, den öffentlichen Raum zu beherrschen, indem er mit seinen Taten Furcht und Angst verbreitet. „Wir haben es dadurch mit einem kollektiven Freiheitsverlust zu tun.“

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