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Jugendkriminalität : „Wie ein Waldgefängnis mit Auslauf“

Dieses Klohäuschen hat sich der Junge selbst gezimmert Bild: Kreisverwaltung Gießen

Das Kreisjugendamt Gießen hat einen fünfzehnjährigen Schläger nach Sibirien verschickt. Dort soll er sozusagen ein besserer Mensch werden. Nun will der Junge nicht mehr weg aus Sedelnikowo. Muss er aber. Schließlich soll er seinen Hauptschulabschluss machen.

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          Wenn Marcel auf die Toilette geht, läuft er über den Schnee zu seinem selbstgezimmerten Holzhäuschen. Wenn er sich wäscht, fährt er mit dem Schlitten die 200 Meter zur Zapfstelle, holt Wasser und wärmt es dann an dem großen holzbefeuerten Ofen in der kleinen Holzhütte, die er sich mit seinem Betreuer teilt. Und wenn er zur Schule geht, muss er erst mal zweieinhalb Kilometer laufen. „Wir packen mit solchen Sachen Marcels halben Tag voll, so bringen wir Struktur rein“, sagt Frank Kröner. Er muss es wissen: Seit zehn Jahren verschickt seine Erfurter Jugendhilfe-Organisation „Pfad ins Leben“ Jugendliche im Auftrag deutscher Jugendämter ins sibirische Sedelnikowo. Einer von diesen deutschen Jugendlichen hat mal über den 5000-Einwohner-Ort gesagt: „Das ist wie ein Waldgefängnis mit 1000 Kilometern Auslauf in jede Richtung.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zur Zeit herrschen minus 30 Grad in Sedelnikowo, das zwischen Sümpfen und Birken inmitten der Taiga liegt. 500 Kilometer sind es nach Omsk, und von Deutschland aus fährt man sehr lange mit der Eisenbahn gen Osten. Schon im Juni wurde der fünfzehnjährige Marcel* vom Jugendamt des Landkreises Gießen nach Sibirien verschickt. Im Zuge der Diskussion über den Umgang mit jugendlichen Straftätern im Vorfeld der hessischen Landtagswahl wurde der Fall jetzt bekannt. „Hessen schickt Schläger nach Sibirien“, titelte die Bild-Zeitung. „Die Mutter des Jungen ist entsetzt“, sagt Stefan Becker, Jugend- und Sozialdezernent des Landkreises Gießen.

          „Er würde am liebsten noch länger bleiben“

          Dabei hat das Kreisjugendamt Marcel gar nicht gegen seinen Willen nach Sibirien geschickt, er ist angeblich sogar sehr gern dort. „Er hat gesagt, zum ersten Mal seit vielen Jahren fühle er sich wohl an einem Ort. Er würde am liebsten noch länger bleiben“, sagt Kröner. Das sei aber nicht sinnvoll, denn er müsse ja irgendwann auch einen deutschen Schulabschluss machen. Teurer als der Aufenthalt in einem deutschen Kinderheim ist die Verschickung nach Sibirien mit 150 Euro am Tag jedoch nicht.

          Die Hauptstraße in Sedelnikowo

          Und so wird Marcel vom zehnten Februar an die neunte Hauptschulklasse irgendwo in Thüringen besuchen - weil die Umgebung dort ähnlich reizarm sei wie in Sibirien, stellt man sich beim Kreisjugendamt vielleicht vor. Zurück nach Hessen in sein altes Lebensumfeld soll er auf alle Fälle nicht. Erst wenn er achtzehn ist, endet das Zusammenleben mit seinem Betreuer, einem fünfzigjährigen russlanddeutschen Pädagogen, der sich seit Ende Juni ausschließlich um Marcel kümmert. Zuvor waren die beiden vier Wochen lang in Norwegen, um zu testen, ob sie zueinander passen. Das scheint der Fall zu sein. Bislang gab es nach Angaben von Kröner lediglich eine Situation, in der der Fünfzehnjährige versuchte, seinen Betreuer anzugreifen.

          Geprügelt hat er sich öfter mal

          Vorher - in Deutschland - war das anders. Zwar ist Marcel kein Straftäter, aber geprügelt hat er sich öfter mal. Seit er elf war, hat ihn das Jugendamt begleitet, er hat zahlreiche Schulwechsel hinter sich und „niederschwellige Angebote“ durchlaufen. Ohne Erfolg, denn der Junge leidet an einem ADHS-Syndrom, das zu deutlich erhöhter Aggressivität führt. Nach Einschätzung von Psychologen und Jugendamt ist diese „erlebnispädagogische Maßnahme“ für ihn der letzte Ausweg. Falls er im „reiz- und konsumarmen“ Sibirien, fernab von Fernsehen und Internet, nicht lernt, sich an Regeln zu halten und Konflikte friedlich zu lösen, bleibt für ihn nach Einschätzung des Jugendamtes fast nur noch die Unterbringung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die kennt Marcel zwar auch schon von innen, aber bislang war er nur für kurze Zeit dort.

          Wie es im Moment aussieht, hat Sibirien aber auf den Jungen die gewünschte Wirkung. Der Leiter des Kreisjugendamtes Peter Heydt, der im Dezember selbst dort war, sagt: „Er kann seinen Bewegungsdrang auf dem Schulweg ausleben, er lässt sich auf eine Beziehung zu seinem Betreuer ein, er gewinnt Selbstvertrauen und soziale Kompetenz und lernt, das Lustprinzip dem Pflichtprinzip unterzuordnen.“ Das ist viel mehr, als er in seiner eigenen Familie und in der Psychiatrie geschafft hat.



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