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Jugendkriminalität : Nie wieder Mist bauen

  • -Aktualisiert am

Besinnung: Vor dem Mittagessen wird gebetet Bild: Frank Röth

Wie holt man junge „Intensivtäter“ aus der Kriminalität? Mit strengster Haft, sagen Politiker. Praktisch bewährt haben sich längst andere Konzepte, zum Beispiel der „Jugendstrafvollzug in freien Formen“. Zu Besuch in einem alten Fachwerkhaus in Leonberg bei Stuttgart.

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          Es gibt Tage, die ein Leben umkrempeln. Drei Daten sind es, die Michael mit seinem glattrasierten Kindergesicht nie vergessen wird. Die Nacht der Tat: „21. 2. 2007“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Gemeinsam mit zwei Freunden hat der kräftige, damals 17 Jahre alte Kerl im Stadtpark von Nürtingen „die anderen“ angegriffen, die feindliche Gruppe, mit Schlagstöcken und stahlbewehrtem Baseballschläger. Wie viele Wochen genau sein Opfer auf der Intensivstation lag, weiß der Verurteilte nicht mehr und vergräbt die Hände tief in den Taschen der blauen Cargohose. Aber den Tag seiner Verhaftung kennt er und nennt ihn mit dem leichten Dialekt eines Russlanddeutschen: „28. 2. 2007.“ Am 31. August vergangenen Jahres rückte der Achtzehnjährige dann in die Jugendvollzugsanstalt im baden-württembergischen Adelsheim ein. In seiner Akte lag das Urteil: drei Jahre ohne Bewährung wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung.

          Seit drei Monaten ist Michael nicht mehr im Gefängnis, sondern im „Seehaus“, in Leonberg bei Stuttgart. „Zum Glück“, sagt er. „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ heißt die von dem Verein „Prisma Jugendhilfe“ getragene Einrichtung in der Sprache der Justiz. Sie gilt als vorbildlich. Ein alter Gutshof von 1609, Fachwerk, daneben ein neues Wohngebäude, eingebettet in eine Wald- und Wiesenlandschaft vor den Toren der Stadt. Eine Bleibe für 14 jugendliche „Intensivtäter“ zwischen 16 und 21 Jahren, darunter Äthiopier, Ägypter, Türken und Marokkaner. Keine Zäune, keine vergitterten Fenster, kein Umschluss. Und dennoch ist die Freiheit alles andere als grenzenlos. Denn der Tageslauf ist minutiös getaktet und erlaubt kein Trödeln und kein Durchhängen. Dafür sorgen zwölf Betreuer - vom Wecken um 5.45 Uhr über das obligatorische Joggen dreimal in der Woche, Frühstück, Unterricht mit dem Ziel des Hauptschulabschlusses, Arbeiten in der Schreinerei oder bei der Gebäuderenovierung bis zur Abendrunde in den beiden familiär gestalteten Wohngruppen, in der besprochen wird, was am Tag gut, was weniger gut funktioniert hat. „Das Wichtigste ist, dass die Mitarbeiter einem hier vertrauen. Und dass man sich Ziele setzen kann. Bisher habe ich alle Ziele erreicht“, sagt Michael und lässt durchblicken, wie stolz er darauf ist, sich hochgearbeitet zu haben im Taktsystem der nach und nach gewährten Vergünstigungen. „Löwe-Anwärter“ darf er sich nennen und nun wöchentlich eine Viertelstunde mit der Familie telefonieren, ab und zu Besuch empfangen und in Begleitung auch mal ein Konzert besuchen. Tobias Merckle, der Leiter des Seehauses, sagt: „Es gibt Abbrecher, solche, die wir zurückschicken ins Gefängnis, weil sie es nicht schaffen. Aber jeder, der hier regulär entlassen wird, hat draußen eine Lehrstelle oder Arbeit gefunden.“

          Mit „Klarheit und Härte“ durchgreifen

          Von jungen Männern wie Michael war in diesen Tagen häufig die Rede, nach dem Überfall auf einen 76 Jahre alten Rentner, der in der Münchner U-Bahn von einem 21 Jahre alten Türken und seinem vier Jahre jüngeren griechischen Freund zusammengeschlagen wurde, nachdem er die beiden gebeten hatte, das Rauchen zu unterlassen. Ohne die Videoaufnahmen des Vorfalls wäre die Debatte in der Weihnachtswoche womöglich nicht so schnell zum beherrschenden Thema geworden. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fiel plötzlich auf, wie viele jugendliche Straftäter mit „Migrationshintergrund“ es gebe: Mit „Klarheit und Härte“ solle nun endlich durchgegriffen werden. Und es hagelte weitere politische Absichtserklärungen: „Erziehungscamps“ lautete die Forderung der Bundeskanzlerin, „Verschärfung der Untersuchungshaft“ (der Hamburger Justizsenator Carsten Lüdemann), „Höchststrafmaß für Jugendliche auf 15 Jahre heraufsetzen“ (Wolfgang Bosbach, stellvetretender Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag).

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