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Jugendkriminalität : Deutschland, du Opfer!

  • -Aktualisiert am

Unter Migranten ist der Wille zur Abgrenzung deutlich zu spüren Bild: AP

„Scheiß-Deutscher“ ist unter jungen Migranten zu einem sehr beliebten Schimpfwort avanciert. Verrät dieser Begriff tatsächlich eine totalitäre Ideologie oder religiös motivierten Deutschenhass? Man sollte genau hinschauen, woher die Wut gegenüber Inländern kommt.

          6 Min.

          Deutsche-Dissen ist ein übelst angesagter Trendsport. Jedenfalls unter Jugendlichen mit „MH“. „MH“ steht im Behördendeutsch für Migrationshintergrund. Seit zwei Jugendliche mit türkischem und griechischem „MH“ einen urdeutschen Rentner in der Münchner U-Bahn brutal zusammenschlugen und ihn dabei als „Scheiß-Deutscher“ titulierten, steht die Frage im Raum, ob es mitten in Deutschland „Deutschenfeindlichkeit“ gibt.

          Leute, die sich schon heute täglich an den Schnitt- und Bruchstellen der deutschen Gesellschaft von morgen bewegen, neigen dazu, die heikle Frage zu bejahen. Andreas Wolter etwa, Leiter jenes Intensivtäter-Kommissariats in der Berliner Kripo, das für die Bezirke Neukölln und Kreuzberg zuständig ist, sagt, Deutsche fielen tatsächlich in wachsendem Maße „inländerfeindlicher Kriminalität“ zum Opfer. Unter Migranten sei der Wille zur Abgrenzung eindeutig zu spüren. „Es existiert das Feindbild des Deutschen in Deutschland“, sagt Wolter. „Dass Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, das so sehen, ist für mich eine erschreckende Erkenntnis.“ Doch „in der arabisch-türkischen Community“ sei diese Haltung Normalität. Und Wolter fügt hinzu, er frage sich schon, „wie wir dahin gekommen sind“.

          Als „Volksverhetzung“ unter Strafe stellen

          Katrin Heisig und Günter Räcke sind Jugendrichter in Berlin und beurteilten die Situation schon im November 2006 ähnlich. „Wir stellen bei Gewalttaten seit einiger Zeit eine unverblümte Deutschenfeindlichkeit fest“, sagte Heisig damals dem „Tagesspiegel“. Ihr Richter-Kollege Räcke pflichtete bei: „,Scheiß-Christ', ,Schweinefleisch-Fresser' - das sind Begriffe, die richtig in Mode sind.“

          „Scheiß-Deutscher” - Überfall in der Münchner U-Bahn
          „Scheiß-Deutscher” - Überfall in der Münchner U-Bahn : Bild: AP

          Ungeklärt ist bislang, was diese Mode bedeutet. Verrät die vor allem auf den Schulhöfen unserer Problemviertel gepflegte Sprache der dicken Hose tatsächlich eine totalitäre Ideologie oder religiös motivierten Deutschenhass?

          Der baden-württembergische Bundesratsminister Wolfgang Reinhart (CDU) meldete sich mit dem Vorschlag, den Fluch „Scheiß-Deutscher“ nach Paragraph 130 des Strafgesetzbuchs als „Volksverhetzung“ unter Strafe zu stellen. Solche „Hasstiraden“ gefährdeten den inneren Frieden. Allerdings richtet sich der Volksverhetzungsparagraph in seiner jetzigen Form nur gegen denjenigen, der zum „Hass gegen Teile der Bevölkerung“ aufstachelt. Noch stellen die Urdeutschen aber den überwiegenden Teil ihrer Bevölkerung. Reinhart begründete seinen Vorstoß mit dem Argument, in manchen Großstadtbezirken hätten sich „inzwischen die Mehrheitsverhältnisse umgekehrt“.

          Beleidigungen als „Prozesse der Identitätsbildung“?

          Dennoch sollte er vielleicht zum Standardwerk der amerikanischen Philosophin Judith Butler greifen (“Hass spricht. Zur Politik des Performativen“, Suhrkamp Verlag), bevor er seine Gesetzesvorlage formuliert. In dem Buch setzt Mrs. Butler recht hübsch auseinander, dass Worte nicht per se als verhetzend zu definieren sind.

          Worte erlangen ihre Bedeutung immer erst durch ihre Geschichte, die Intention des Sprechers und vor allem den Kontext, in dem sie fallen. Für die juristische Bewertung von „Hate Speech“ resultieren daraus kaum lösbare Schwierigkeiten. Man müsste etwa klären, warum „Scheiß-Deutscher“ volksverhetzend wäre, „Sau-Preiß“ hingegen eher nicht.

          Dass sich hinter jenen Jugendlichen, die Deutsche verfluchen, Überzeugungstäter verbergen, ist längst nicht ausgemacht. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening hält die Annahme gar für „vollkommen verrückt“. Szenetypisches Vokabular werde in der Debatte überhöht. Beleidigungen, die sich auf Schweinefleisch oder Kartoffeln beziehen, fallen nach Pienings Auffassung unter „Prozesse der Identitätsbildung“. Vergleichbares lasse sich in Rap-Texten beobachten.

          Opferdiskurs wird auf den Schulhöfen verhöhnt

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