https://www.faz.net/-gum-7x78j

Jugendkriminalität : Doppelt gedemütigt

Aus Sicht von Michael Günter, Jugendpsychiater am Klinikum Stuttgart, ist das Mädchen durch die Verbreitung des Videos zum zweiten Mal zum Opfer geworden. „Das Schlimmste ist: Alle, die das Mädchen kennen, sahen diese ungeheure Demütigung. Sogar ihr Gesicht war in dem Facebook-Video zu sehen. Und das auf der ganzen Welt. Das ist schlimmer als die Tat selbst.“

Mordvideos „ohne zeitliche Einschränkung“

Es ist nicht das erste Mal, dass gewalttätige Schüler so in den Sog der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes geraten: Sie dokumentieren ihre Tat und bekommen Anerkennung und Bewunderung durch die Gemeinde der User. Das Phänomen des „happy slapping“ – also Personen in der Öffentlichkeit anzugreifen, zu verprügeln und dabei zu filmen – ist in Deutschland seit zehn Jahren bekannt. Mehr als 90 Prozent aller Jugendlichen haben heute ein Handy.

Mindestens fünfzig Ermittlungsverfahren verursacht das „happy slapping““ pro Jahr allein in Berlin. Früher, sagt Günter, sei das Sehen eines Horrorfilms ein „zeitlich begrenztes Ereignis“ gewesen, heute schickten Jugendliche und Erwachsene „ohne zeitliche Einschränkung Mordvideos durchs Netz“. Gewaltvideos möglichst schnell von dort wieder zu entfernen liegt im Interesse des Opfers sowie der nicht strafmündigen Täter. Jugendpsychiater wie Günter raten natürlich auch aus therapeutischen Gründen dazu.

Im Tübinger Fall hatten die ermittelnden Polizeibeamten daran ebenfalls ein großes Interesse: „Die Gesichter waren zu erkennen, es waren ja Kinder und Jugendliche. Uns ging es um den Persönlichkeitsschutz. Wir wollten den Shitstorm schnell stoppen. Die Kommentare waren genauso wenig akzeptabel wie die Tat selbst“, sagt Andrea Kopp von der für den Fall zuständigen Polizeidirektion Reutlingen. Die Polizei befürchtete außerdem weitere Nachahmungstaten – nachdem das Video auf Facebook gestellt worden war, prügelte zwei Tage nach der Ersttat eine neue Täterin auf eine der Schlägerinnen ein.

Doch Facebook musste sich bitten lassen. „Wenn solche Inhalte aus sadistischem Vergnügen oder zum Zwecke der Gewaltverherrlichung geteilt werden, dann löscht Facebook sie. Schnell. In dem vorliegenden Fall war der Post aber eindeutig gegen Gewalt“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Kein Presserecht bei Facebook-Kommentaren

Dieser fahrlässige Umgang mit Gewaltdarstellungen, legitimiert mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit, ist für den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ein Kennzeichen der digitalen Öffentlichkeit, die sich selbst „möglichkeitsblind“ mache: „Das ist ein Kontrollverlust einer Gesellschaft, die im Umgang mit den neuen Medien mehr moralische Phantasie braucht.“ Er sei nicht pessimistisch, sagt Pörksen, die Gesellschaft könne den Umgang mit den neuen Medien noch lernen, auch solche Skandalisierungen könnten Anlass für ein „großes moralisches Gespräch“ sein.

„Wir befinden uns im Moment in einer mentalen Pubertät.“ Nur können die Opfer der digitalen Erregung nicht auf den nächsten Hormonschub zur Überwindung des pubertären Medienverhaltens warten; ihnen kann nur der sofortige Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte helfen. Durch die öffentliche Beschämung werden die Opfer auch aus der Sozialgemeinschaft ausgeschlossen. Sie brauchen deshalb einen besseren rechtlichen Schutz. Oft ist das nicht einfach, denn Videos und ein Facebook-Kommentar unterliegen nicht dem Presserecht.

Weitere Themen

Jagdhunde spüren hilflose Koalas auf

In Australien : Jagdhunde spüren hilflose Koalas auf

Die Brände in Australien bedrohen auch die Symboltiere des Landes massiv. Nun sollen Hunde helfen, die Koalas vor den Flammen zu retten. Und die Einsätze zeigen erste Erfolge.

Heuschrecken fallen über Ostafrika her

Schwerste Plage seit 25 Jahren : Heuschrecken fallen über Ostafrika her

Hunderte Millionen Insekten gefährden die Versorgung mit Nahrungsmitteln in ohnehin armen Ländern wie Äthiopien und Somalia. Der Schwarm ist rund einen Quadratkilometer groß – und könnte bis Juni auf das 500-fache anwachsen.

Topmeldungen

Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.