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Jugendbanden : Sie haben die Straße

Graffiti in Berlin-Neukölln Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

Sie rauben, sie prügeln, und Messer sind in. Detlev Bucks Spielfilm „Knallhart“ zeigt Jugendgewalt als Albtraum. Wie brutal ist die Wirklichkeit? Banden und Schläger im Berliner Problembezirk Neukölln.

          Ein fünfzehnjähriger Berliner wird von einer Gruppe Jugendlicher gestellt, die ihn beraubt, zusammentritt, erpreßt, seit er mit seiner Mutter nach Neukölln gezogen ist. Diesmal schaffen seine Peiniger ihn in ein Parkhaus. Setzen ihn auf einen Stuhl, stülpen ihm einen Blecheimer über den Kopf.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der türkischstämmige Anführer läßt sich die Augen verbinden. „Wo ist mein Löffel?“ brüllt er und greift den gereichten Baseballschläger. Er dreht sich. Macht einen Schritt nach vorne. Schwenkt suchend seine Keule durch die Luft, streift ein parkendes Auto, trümmert darauflos. Als er den Fünfzehnjährigen erwischt, krachen die Hiebe, bis der Junge unter dem Eimer reglos am Boden liegt. „Topfschlagen“, nennt die Bande das - eine Szene aus dem neuen Detlev-Buck-Film mit dem programmatischen Titel „Knallhart“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

          Wenn die Polizei in Berlin morgen ihre Kriminalstatistik für das Jahr 2005 vorstellt, lautet der vielleicht wichtigste Befund: Die Gewaltkriminalität nimmt ab. Erstmals seit den späten Neunzigern ist die Zahl der sogenannten Roheitsdelikte unter Jugendlichen gesunken. Schon im voraus hat der Polizeipräsident von einer Trendwende gesprochen und die neue Konsequenz im Umgang mit minderjährigen Straftätern gerühmt.

          Alltag entlang der Karl-Marx-Straße

          „Ein heftiger Februar“

          An der Lage in einem Stadtteil wie Neukölln jedoch ändert dieser Wandel zunächst nicht viel. Im Dezember erstach ein angetrunkener Achtzehnjähriger im Bus einen Gleichaltrigen, weil der sich schützend vor seine Freundin gestellt hatte. Im Januar griffen am Richardplatz dreißig mit Knüppeln bewaffnete Jugendliche fünf Schüler an. Und Rainer Noack, Leiter des Kommissariats Jugendgruppengewalt unter anderem im Bezirk Neukölln, sagt: „Wir hatten einen heftigen Februar.“ Mehr als hundert registrierte Raubtaten in gerade mal vier Wochen, dazu knapp vierzig Fälle von gefährlicher Körperverletzung, Kreuzberg inklusive. „Das war relativ viel“, sagt Noack.

          Dabei ist der Mann so einiges gewohnt. Mit ausgebeulten Jeans und Kapuzensweatjacke ähnelt der 43 Jahre alte Kriminalhauptkommissar weniger einem uniformierten Staatsbeamten als der eigenen Klientel: Jugendlichen, wie sie der Buck-Film erfindet und von denen Noack weiß, daß sie in Wirklichkeit oft aus kinderreichen Familien stammen, die in zweieinhalb Zimmern in der Neuköllner Altstadt hausen. Wohnzimmer, Elternschlafkammer plus der Raum, in dem tagsüber sechs Matratzen für die Geschwister hochgeklappt werden. Während die ausländischen Mädchen nach der Schule nach Hause müssen, sind die Jungs unterwegs, solange irgend geht. Noack sagt: „Die haben die Straße.“

          Gerüchte von Massenschlägereien

          Vergangenen Dienstag abend wurden zwei dieser Halbstarken gefaßt, die eine Serie von Überfällen begangen haben sollen. Ein kleiner Dicker und ein langer Dünner „sitzen jetzt in der Zelle, machen einen auf beleidigt und wollen nichts sagen“, so Noack. Am Mittwoch schon sind die Beamten bei den Opfern und legen Fotos vor, die Täter werden eindeutig identifiziert. Einer der Jungen pflegte sich eine grobgliedrige Kette um die Hand zu wickeln, bevor er seinem Opfer das Gesicht zerschlug. Am Donnerstag dann, mittags um zwölf, sind die Spezialisten des Kommissariats gleich zu zwei Schulen unterwegs, weil Gerüchte von geplanten Massenschlägereien die Runde machen.

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